Mittwoch, 11. Juli 2012

Schwarzes Glück II

Zu Teil I

Schwarzes Glück

II.


Der Weg von der S-Bahnstation durch die winterliche Stadt glich für Julia einem Wechselbad der Gefühle. Zwischen Glück und Zweifel, Angst und Erregung tobte in dem dunkelhaarigen Mädchen ein stiller Kampf. Ganz in Schwarz gehüllt ging sie neben ihrem eben so gekleideten, hochgewachsenen Begleiter. Das Wort Freund wollte sie für ihn nicht in den Mund nehmen, auch wenn sie von außen gewiss wie ein Paar wirkten, welches sich schon lange kannte.

In Wirklichkeit kannten sie sich jedoch erst wenige Minuten. Alles, was zwischen ihnen davor gelaufen war, fand bis dahin in der Virtualität des Internets statt. Intime Gespräche und belangloser Small Talk hatten sie über viele Wochen hinweg zusammengeschweißt. Heute waren sie beide in einem neuen Abschnitt ihrer Beziehung eingetaucht. Julia wusste nicht, ob sie oder Luzifer die treibende Kraft dieses Treffens gewesen war. Sie wusste nur, dass sie nun mit ihm über den vereisten Gehweg zu ihrer kleine Wohnung ging, ohne mit ihm auch nur ein Wort zu wechseln.

Die Stille brannte ihr wie Feuer. Sie wollte mit ihm sprechen, wollte an ihn das Wort richten und versagte doch bei jedem Versuch. Er, Luzifer, wirkte so souverän. Seine Nähe raubte ihr den Atem und ließ ihre Beine weich werden. Luzifer, was war das nur für ein Name. Sie kannte ihn aus dem Internet nur unter diesem Namen. Den Namen des von vielen Menschen so verhassten Teufels. Gleichzeitig bedeutete der Name aber auch der Lichtbringer und stand als Synonym für die Venus. Venus die Göttin der Liebe und Luzifer der Teufel, welche ein Widerspruch, der sich in der Realität mit gleicher Wucht manifestierte.

Sprachlos gingen sie an den kleinen Läden der Straße vorbei, deren Licht auf den Gehweg fiel. Es wurde langsam Dunkel. Der Tag wandelte sich in die Nacht und aus dem zwielichtigen Grau wurde ein mit vielen Facetten angereichertes Orange, welches die Schönheit der Nacht korrumpierte. Das in schwarz gehüllte Paar begegnete vielen Kreaturen, die gehetzt an ihnen vorbei huschten, ohne ihnen auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Menschen aus dem Büro, die nur noch schnell nach Hause eilen wollten. Menschen, die noch ein paar wichtige Einkäufe zu erledigen hatten. Menschen, die erst in der Nacht mit ihrer Arbeit begannen. In der großen Stadt gab es unendlich viele Menschen und doch war man fast nirgendwo so einsam und unerkannt.

Sie erreichten den Durchgang, der in den Hinterhof führte, wo Julias kleine Wohnung auf sie wartete. Sie blickte wie zur Bestätigung zu Luzifer, nur um sicher zu gehen, dass er tatsächlich bei ihr war. Er blickte zu ihr herab und Julia glaubte, in seiner Miene ein zufriedenes Lächeln zu sehen. Ein Schauer durchfuhr das Mädchen und während sie gemeinsam durch den Innenhof gingen. Sie dachte daran, dass er der erste Mann war, den sie in diese Wohnung mitnahm. Unsicher und leicht zweifelnd suchte sie den Schlüssel zu der Haustür in ihrer Tasche hervor.

Warum hatte sie ihn zu sich eingeladen? Warum hatte er sie so spontan gefragt? Die Gedanken und leichten Zweifel wichen nicht, auch wenn sie es trotzdem irgendwie schaffte, den Schlüssel umzudrehen. Gemeinsam traten sie ein. Das Licht funktionierte in den ersten beiden Stockwerken des Treppenhauses nicht, und so gingen sie im Halbdunkel die glatten, Steintreppen hinauf.

Julia wohnte ihm 2. Stockwerk dieses sanierungsbedürftigen Hauses. Die Fassade machte einen schlimmen Eindruck und auch die Installationen dieses Nachkriegsbaus machten nicht mehr viel her. Das Mädchen war jedoch durch aus froh, dass noch kein Immobilienkonzern dieses Haus saniert hatte, denn dadurch war die Miete günstig. Da sie im Moment auf Jobsuche war, konnte sie sich auch keine großen Sprünge erlauben und begnügte sich mit dem, was sie hatte.

Eine massive Holztür diente als Eingang zu Julias Wohnung. Mit einem leichten Quietschen öffnete sie die Tür und drückte instinktiv den Lichtschalter. Sofort wurde es hell in der von einer veralteten Glühbirne beleuchteten Flur. Der Glühdraht erzeugte ein warmes Licht und augenblicklich fühlte das Mädchen auch die Wärme ihrer Wohnung, die sich an ihrem schwarzen Mantel vorbei zu ihrem zierlichen und durchfrorenen Körper drang. Sie legte ihren Schlüsselbund auf die kleine Anrichte.

"Hier wohnst du also", meinte Luzifer. Es waren seine ersten Worte, seit sie den Bahnhof verlassen hatten und Julia erschrak kurz. Sie war es nicht gewohnt, Besuch zu haben. Fremde Menschen verstörten sie leicht, wenn sie sich ihr zu sehr näherten. Sie blickte schüchtern zu dem Mann auf, der nun in ihrer Wohnung stand, und streifte sich dabei den Ledermantel ab.

"Ja", raunte sie und kaute dabei auf ihrer Lippe. Schlagartig wurde ihr das Chaos bewusst, in dem sie nun standen. Durch den Flur konnte man in das Wohnzimmer blicken, welches gleichzeitig auch Ess- und Schlafzimmer war. Fast ihr ganzes Leben spielte sich in diesen Wänden ab. Die Kleidungsstücke der letzten Wochen lagen unordentlich auf dem Boden verstreut und auch der Beutel mit den leeren Pfandflaschen quoll beängstigend über.

Die zweite Tür führte in einen Raum, der eigentlich nur aus einer Kochnische bestand. Am ende dieses engen Schlauchs führte eine Tür in das relativ geräumige Bad. Trotz der ansonsten beengten Verhältnisse gab es in ihrem Badezimmer eine Badewanne. Ein Luxus, den das Mädchen in kalten Winternächten oft zu schätzen wusste.

Julia überlegte kurz ihre Stiefel zu öffnen und auszuziehen, doch Luzifers Blick hielt sie gefangen. Man sah er heiß aus, schoss es ihr durch den Kopf. Er streifte seine Handschuhe ab und verstaute sie in seinen Manteltaschen, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Sein Blick hatte etwas Hypnotisches an sich, was sie gefangen hielt ohne, dass sie dem entkommen konnte. Gedanken überschlugen sich und doch fühlte sich ihr Kopf so leer und ihre Beine weich an.

Er hob seine Hand und legte sie erneut auf ihre Wange. Sie war seltsam warm, während ihre Haut noch immer durchfroren war. Die Berührung war zart und drang doch tiefer in sie ein, als man es auf physischer Ebene erahnen konnte. Sie spürte die Hand tief in sich, spürte eine Berührung, die bis tief in ihre Seele reichte.

"Du bist hübsch", meinte der hochgewachsene junge Mann mit einem wölfischen Lächeln und jagte ihr damit aufs Neue einen wärmenden Schauer durch den Leib.

"Danke", wisperte sie mit einem Kloß in der Kehle. Sie zitterte. Nicht nur vor der Kälte, die sich unbemerkt tief in ihren zarten Leib gefressen hatte. Es war auch etwas anderes, dass sie frieren ließ.

"Hab keine Angst." Mit diesen Worten streifte er ihr den schwarzen Seidenschal vom Hals und entblößte ihre empfindliche Kehle. Er wickelte das Tuch um seine Hand und lächelte sie an.

Angst? Wieso sollte sie Angst haben? Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf und zugleich war all ihre Aufmerksamkeit von seiner betörenden Aura gefesselt. Sie konnte nicht denken, verhielt sich in ihren Augen wie ein kleines Schulmädchen und nicht wie die erwachsene, selbstständige Frau, die sie sein wollte.

Wie ein Raubtier schlich Luzifer um sie herum und streichelte dabei mit seiner Hand über ihren von einem schwarzen Pulli bedeckten Oberkörper. Sie erstarrte und ließ ihn gewähren. Er tat, was er ihr in den gemeinsam im Internet ausgesprochenen Fantasien schon mehrfach angekündigt hatte. Es waren ihre erotischen Fantasien, die sie ihm ihn langen Skype-Telefonaten erzählt hatte.

Oh mein Gott, dachte sie immer noch erstarrt, als er plötzlich hinter ihr stand und mit seiner Hand über ihren Bauch und Busen streichelte, bevor er langsam hinauf zu ihrem Hals wanderte. Ihr Atem ging immer schneller und ein seltsames Gefühl machte sich in ihr breit. Sie fühlte seine Finger, wie sie sich um ihren Hals legten. Er befühlte ihren Puls und sie spürte, wie ihr Herz zu pochen begann.

Sie spürte die Seide ihres Schals, wie er damit über ihre Wangen streifte und schließlich erblickte sie das Tuch ein letztes Mal, bevor es sich um ihre Augen legte und diesen die Sicht raubte. Oh, mein Gott! Oh, mein Gott! Er tut es wirklich, dachte sie und spürte, wie er die Augenbinde hinter ihrem Kopf verknotete.



Wird fortgesetzt in Teil III

Kommentare:

  1. Tönt sehr viel versprechend. Mag das dunkle und mystische an der Geschichte. Freu mich jetzt schon riesig auf die weiteren Teile!

    AntwortenLöschen
  2. Da kann ich mich nur anschließen. Ist das erste Mal, dass ich etwas in der Form lese..., aber mir gefällt´s...

    AntwortenLöschen
  3. Ok Krystan ,
    der 2. Teil war nicht das schlechteste .
    Von mir ein 6/10 dafür .

    HHH

    AntwortenLöschen