Freitag, 22. Juli 2011

Piratenprinzessin: Kapitel 4

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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3

Piratenprinzessin: Kapitel 4

Longs Magen knurrte. Lüstern blickte er auf die Ratte, die furchtlos im Schiffsbrauch hin und her huschte. Nachdem man ihn erst mit den anderen Gefangenen der Goldgreed untergebracht hatte, brachte man ihn am folgenden Tag eine Etage tiefer. Die Meuterer wollten ihm nicht bei ihrer routinemäßigen Arbeit sehen. So verbrachte der dunkelhäutige Riese seine Zeit in den finsteren Tiefen des Schiffes, welches immer noch mit dem Sturm kämpfte.

Feucht traf die Beschreibung von Longs neuem Verlies kaum. Da die Lenzpumpen des Schiffes hoffnungslos überlastet waren, saß er Handtief im Wasser. Der schmale Lichtkegel, der durch eine Ritze von hoben herab fiel, und den Laderaum erhellte, ließ die Ratte wie ein exotisches Monster wirken. Sie richtete sich auf ihre Hinterpfoten und sah den Piraten an, als überlege sie ebenfalls, ihn auf ihren Speiseplan zu setzen.

„Verdammtes Mistvieh! Gibt es auf diesem verfluchten Schiff nicht schon genug Kreaturen der Hölle!“, fluchte der Dunkelheutige.

Niemals in seinem Leben hatte sich der Steuermann so frei von Hoffnung gefühlt. Er wusste, dass Sliver ihn niemals lebendig von diesem Schiff gehen lassen würde. Zu tief war die Feindschaft zwischen den beiden Männern. Zu verdorben war der Charakter des neu ernannten Kapitäns.

Tief in seinem Herz spürte er für die meisten der Meuterer keinen Hass. Piraten waren nun mal auf Reichtum und ein besseres Leben aus. Sliver hatte ihnen beides versprochen. Vielleicht wäre er ihm als junger Seemann auch gefolgt. Aber der erfahrene Seefahrer wusste von dem Irrweg, auf dem sich das Schiff unter Slivers Führung befand.

Mehrmals am Tag brachte man ihn schwer bewacht an Deck, damit er mit den Schiffsinstrumenten die Position des Schiffes bestimmte. Die Sonne ließ sich nur selten Blicken, und so konnte Long meist nicht mehr machen, als die tatsächliche Lage des Schiffes zu Schätzen. Dass seine Angaben alles andere als genau waren, verschwieg der Steuermann. Er schuldete Kapitän Sliver und seinen Meuterern keine Loyalität. Außerdem würde man ihn vielleicht für entbehrlich halten, wenn er die Wahrheit sagte.

***

Als der Sturm sich legte, trieb die Goldgreed wie eine gerupfte Ente auf dem Wasser. Ein Mast war gebrochen und mehrere Segel waren nur noch wertlose Fetzen an Tuch. Eine geübte Besatzung unter guter Führung hätte dies vielleicht verhindert, aber so trieb das von Piraten geenterte Schiff ohne wirkliches Ziel über den Ozean.

Die Piraten waren froh, alles so glimpflich überstanden zu haben, und so genossen Slivers Mannen erst einmal ihre neue Freiheit unter seinem Kommando. Ihr neu gewählter Kapitän hatte ein Fass mit Rum und ein paar Frauen an Deck bringen lassen. Das Dutzend Frauen stand nun den verwilderten Männern zu Verfügung. Sie huldigten Kapitän Sliver und verneigten sich vor ihm, als sei er der König der Piraten. Genauso verhielt er sich auch.

Die Männer hatten den Frauen die Kleider vom Leib gerissen und ereiferten sich an der zuschaugestellten Nacktheit, während sie ihre Kehlen mit dem berauschenden Gesöff füllten. Manch ein Pirat viel angetrunken über eine der blonden, rothaarigen oder brünetten Engländerinnen her, aber keiner war mit der Brutalität von Käpt´n Sliver zu vergleichen. In den Tagen nach dem Mord an Olivia, waren der armen Seele noch drei weitere junge Frauen auf den Grund des Ozeans gefolgt. So schien es manche der Frauen an Deck sogar zu genießen, der beklemmenden Enge in den Sklavenquartieren entkommen zu sein, und ihre Sinne an der frischen Luft mit etwas berauschendem zu benebeln.

Sliver saß auf einer Art Thron, welcher aus ausgelegten Kleidern und Kisten gefertigt wurde. Zu seinen Füßen saß die erschöpfte Katharina nur noch in ihrem Unterkleid. Mit seinem Dolch hatte Murdoc es eingeschnitten, so dass ihre Brüste ungeschützt hervorspitzten. Da Ihre Handgelenke auf dem Rücken zusammengebunden waren, konnte das Mädchen nun ihre weiblichen Reize nicht einmal vor den wilden Männern verbergen.

Um Katharinas Hals war eine Lederschlinge gebunden, welche sich bei jedem Zug an dem dazugehörigen Seil enger um ihren Hals legte. Sliver hielt sie wie eine Hündin an der Leine, doch diese Demütigung reichte dem blutdürstigen Mann noch nicht.

„Ihr seht durstig aus, Lady Kate, wollt Ihr etwas trinken?“, fragte er die Gefangene und zog, als sie nicht sofort reagiert mit einem Ruck an der Leine.

Wortlos blickte ihn die junge Frau an. Ihr blondes, langes Haar, fiel ihr leicht gewellt über die entblößten Schultern und streichelte sanft ihre festen Brüste. Ihre blauen Augen funkelten noch immer, denn sie war noch nicht zerbrochen. Sehnsüchtig blickte sie auf den Krug, in dem sich ein Gemisch aus Wasser und Wein befand. Ihr Durst war unbeschreiblich. Fast einen Tag lang hatte sie auf Slivers Befehl hin nichts mehr zu trinken bekommen und das karibische Klima verstärkte ihren Durst.

„Ja?“ Er neigte den Krug leicht und führte ihn näher an ihre Lippen. Dann sprach er die Worte, die er schon mehrmals zu ihr gesagt hatte: „Dann leckt mir die Füße.“

Katharina wandte ihren Kopf ab und mehrere Piraten und auch ein paar von den Frauen, die man an Deck gebracht hatte, lachten. Es gefiel ihnen, dass die Braut des Eignersohns, der sie so schlecht behandelt hatte, nun selbst leiden musste.

„Wenn Ihr Euch dafür zu fein seid, könnt Ihr natürlich auch gerne meine Spucke vom Boden auflecken.“ Er gab ihr einen tritt mit seinem von Warzen und Geschwüren übersäten Fuß, so dass sie zu Boden ging. Dann räusperte er sich und spuckte eine große Menge seines Auswurfs direkt neben sie auf die Blanken. Die Menschenmasse an Deck lachte. Selbst die Frauen, denen die Piraten schon Gewalt angetan hatten, schienen sich nun an Katharinas Leid zuergötzen.

Der Durst brannte in ihrer Kehle, doch sie blieb standhaft. Mit einer Halbkreisbewegung ihres Kopfs warf sie das Haar über die Schulter, so dass ihr Gesicht wieder Frei war. Ihr Stolz war größer als der Durst. Vorerst zumindest.

„Sprich!“, fauchte der Pirat und riss sie erneut an ihrer Leine.

Sie schwieg. Schweigen war ihre einzige Waffe, mit der sie sich ihren Peinigern widersetzen konnte. Als adlige Frau erwartete man von ihr immer devote Schweigsamkeit. Nun sollte ihr flehen und betteln ihre Unterwerfung signalisieren. Gleich, wie viel Verachtung sie für ihren Verlobten empfand, für dem sie offenbar kaum mehr Wert hatte, als das Pergament, auf dem ihr Adelstitel verbrieft war, noch mehr verachtete sie diese Männer, allen voran Kapitän Sliver. Er entsprach dem Bild eines mordlüsternen Piraten, wie ihn die Hölle nur in den gottlosesten Stunden ausspucken konnte.

Die blonde Schönheit spürte, dass seine Besessenheit mit jedem Tag weiter zunahm. Er war nicht nur besessen von der Macht, die er innehatte, er war auch besessen von ihr. Vielleicht würde er sie schon bald Schänden oder Todschlagen, sie hatte sich damit abgefunden, aber sie würde ihm nicht die Genugtuung geben mit ihm zu reden, oder gar ihn anzubetteln.

***

Jane war zu einem Geist geworden. Auf den Straßen von London hatte sie diese Fertigkeit bereits als Kind gelernt. Nun perfektionierte sie ihre Fertigkeiten in der kleinen Welt des Piratenschiffs, wo jeder Fehler den sicheren Tod bedeutete.

Die junge Frau hatte mit angesehen, was Kapitän Sliver der armen Olivia angetan hatte. Sie hatte das Mädchen gekannt. Ihre jugendliche Schönheit war ihr schon früh auf dem Schiff zum Verhängnis geworden. Murdoc hatte sie vom ersten Tag an missbraucht. Vielleicht hatte sie sogar Glück, dass der Tod sie nun vor weiteren Exzessen bewahrte. Jane war nicht gläubig, doch hoffte sie inständig, dass Olivia im Himmel ihre beiden Kinder wieder sehen würde, von denen sie Jane, während ihrer kurzen Bekanntschaft erzählt hatte.

Mehrmals hatte sie versucht, zu Kate vorzustoßen, um ihr wenigstens etwas zu Essen und zu Tricken zu geben. Aber Katharina wurde zu gut bewacht. In der Nacht war sie an Deck an einen Mast gefesselt und tagsüber musste sie an der Seite des Piratenkapitäns wie ein Hündchen an der Leine vegetieren. Wenn er so weiter machte, würde er die junge Frau, der Jane ihr Leben verdankte, brechen oder töten. Das durfte Jane nicht zulassen. So entschied sie sich zu einem gewagten Plan.

Es war Tag und die Piraten waren fast alle an Deck und trieben es ausschweifend mit den verurteilten Frauen, die sie an Deck gebracht hatte. Die meisten Frauen ließen freiwillig alles über sich ergehen, denn so entkamen sie wenigstens für ein paar Stunden dem Elend, dem Hunger und dem Durst unter Deck. Jane wäre vermutlich eine von ihnen, hätte die Schicksalgöttin ihr Leben nicht vor Kurzem in eine andere Bahn gelenkt, und ihr Leben eng an das der deutschen adligen Jungfrau gebunden.

Jane bedauerte es nicht, denn Katharina hatte ihr etwas gezeigt, was in ihrem Leben bis dahin keine Rolle gespielt hatte. Selbstlosigkeit und Hilfsbreitschaft. Nun war es an ihr, dieses Geschenk zurückzugeben. Sie schlich unter Deck zu der Leiter, die in den untersten Laderaum führte. Die schwülheiße Luft raubte ihr fast den Atem. Gewand kletterte sie die Sprossen hinab, nur um plötzlich knietief im Wasser zu stehen.

Sie erschrak kurz, überlegte dann jedoch, dass dies wohl normal sei, da sich keiner der Männer an Deck sonderlich besorgt zeigte. In der Hand hielt sie einen Dolch, während sie durch das Wasser stapfte.

„Soll ich Euch mal wieder den rechten Weg zeigen?“, fragte Long in die Dunkelheit, da er Jane für einen der Piraten hielt. Erst als sie ihm den Dolch an die Kehle hielt, bemerkte er im schwachen Zwielicht, dass sie keiner seiner ehemaligen Kameraden war.

„Keinen Mucks, sonst steche ich dich ab!“, zischte ihn Jane an.

„Vorsicht Weib! Solche Drohungen sollte man nur aussprechen, wenn man auch gewillt ist, sie umzusetzen.“ Long konnte kaum mehr als Janes Stimme nutzen, um sich einen Eindruck von der Frau zu machen, die ihm den kalten Stahl an seinen Hals hielt. Er kannte wenige Frauen, die in der Lage waren, einen wehrlosen Menschen zu töten, ohne dass sie einen guten Grund dafür hatten. Im Moment wollte er ihr kennen geben, sondern lieber herausfinden, was sie von ihm wollte.

„Lass dies nur meine Sorge sein. Ich würde am liebsten jeden von euch Piraten die Kehle durchschneiden.“

„Bis du deshalb hier? Suchst du ein leichtes Ziel, um erst einmal zu üben?“ Der Schwarzafrikaner schmunzelte, so dass man in der Dunkelheit seine weißen Zähne sehen konnte.

„Nein!“, fauchte Jane, die sich von dem erfahren Piraten gerade vorgeführt fühlte, auch wenn sie es war, die die Waffe in Händen hielt.

„Was willst du dann? Man hat dich wohl kaum zu mir geschickt, um mir eine Freude zu machen.“

„Vielleicht doch“, meinte Jane. „Du kennst dich doch auf See aus, oder?“

„Ay!“, raunte Long.

„Könnten wir mit dem Beiboot an Land rudern?“

„Du willst nicht länger an Kapitän Slivers Tafel weilen, und willst deshalb einen Weg von Bord suchen? Ist das der Grund, warum du hier bist?“ Sie war offenbar eine der zahlreichen weiblichen Sklavinnen. Ihr Wunsch war verständlich, doch sehr naiv.

„Nicht ganz. Ich will mit einer Freundin von diesem Piratenschiff fliehen, und suche einen Weg für uns zu entkommen“, erklärte Jane.

„Und was habe ich davon?“

„Wenn du uns hilfst, nehmen wir dich mit.“

„Als euren Sklaven? Oder um mich, sollten wir von einem anderen Schiff gefunden werden, als Piraten hängen zu lassen?“, fragte Long skeptisch. Er hatte nicht viel zu verlieren, wusste aber, dass seine Chance abseits eines Piratenschiffes nicht viel besser waren. Schwarzafrikaner galten für die Weißen gemeinhin als Tiere, für die die Sklaverei das Beste war, was ihnen passieren konnte. Freigelassene Sklaven ohne Papiere und Freund, landeten schnell wieder als Sklaven auf irgendeiner Plantage.

„Nein, als freien Mann. Wir wollen nur weg von diesem verfluchten Schiff. Ich und meine Freundin. Wenn wir in Sicherheit sind, kannst du gehen, wohin immer du willst.“

„Was habt ihr denn genau vor?“, wollte der Steuermann wissen.

„An Deck gibt es doch ein kleines Ruderboot. Ich will meine Freundin befreien und dann gemeinsam das Boot zu Wasser lassen. Danach können wir doch auf eine Insel oder an die Küste rudern.“ Jane wusste, dass ihr Plan riskant war, aber sie wusste auch, dass die Piraten früher oder später über Katharina herfallen würden, wenn sie denn so lange überleben würde.

„Alleine werdet ihr das Boot nicht ins Wasser bekommen. Selbst zu dritt wird es schwer werden. Und im Moment kann ich euch nicht sagen, wo sich die Küste befindet, nur dass sie irgendwo im Westen liegt. Von den Männern, die euch bestimmt daran hindern wollen, ganz zu schweigen.“

„Dann ist mein Plan also aussichtslos, und ich kann dich hier unten bei den Ratten verrotten lassen?“, meinte die Engländerin verächtlich.

„Nein, nein.“ Long wollte gewiss nicht hier unten bleiben, so durchdachte der erfahrene Pirat seine Möglichkeiten. Auf hoher See auf ein Ruderboot zu springen war ein Himmelfahrtskommando. Die junge Frau und ihren Fluchtplan an Slivers Männer zu verraten, hätte ihm ebenfalls keinen Vorteil gebracht. Selbst wenn man ihn wieder in die Mannschaft aufnahm, hatte die Goldgreed keine Zukunft. Sliver konnte vielleicht einen Haufen von Räuber und Banditen führen, aber kein Schiff, welches mit einer zu kleinen Besatzung und durch den Sturm beschädigt war. Anstatt das Schiff wieder instand zu setzen, feierten die Männer Deck Orgien, und trieben es mit den weißen Sklavinnen. Die Frau bot ihm eine Chance und so wie es aussah, war sie die Beste, die sich ihm bieten würde.

„Bringt mir erst einmal etwas frisches zu Trinken und zu Essen. Dann reden wir. Wenn die Ahnen es wollen, werde ich vielleicht unsere tatsächliche Position bestimmen können. Vielleicht haben wir so wirklich eine Chance.“

„Gut, aber keine Tricks. Wenn du mich aufs Kreuz legen willst, wird es dir schlecht ergehen.“ Noch einmal drückte sie die Schneide des Dolches an seine Kehle, schien ihn damit jedoch nicht zu beeindrucken.

„Erst etwas zu Essen und zu Trinken, dann reden wir über das aufs Kreuz legen“, meinte der dunkelhäutige Steuermann mit einem fast schelmischen Lächeln.

„Verfluchter Pirat!“, fauchte Jane.

„Ja, aber der Einzige hier auf dem Schiff, der euch beide retten kann.“

Jane ließ den Steuermann in seinem nassen Verlies zurück. Seltsamerweise fand sie diesen Piraten wesentlich vernünftiger, als sie ihn sich vorgestellt hatte. Sie hoffte, dass er Wort hielt und sie nicht an die anderen verraten würde. Wenn sie sich irrte, würde ihr bestimmt ein grausames Schicksal blühen.

Die junge Frau musste immer noch an Olivia und Annes Schicksal denken. Ein eisiger Schauer überkam sie. Jane kannte das Gefühl, von Männern missbraucht zu werden. Viele haben sich in ihrem noch jungen Leben an ihr vergangen. Meist hatte sie es einfach teilnahmslos über sich ergehen lassen. So war es am leichtesten und führte nur selten zu ernsten Verletzungen. Aber der Gedanke an Sliver und seine Kumpanen, ließ auch sie fröstel. Dieser Mann und seine Gefolgsleute schienen direkt aus der Hölle entflohen zu sein. Wenn die Gefahr bestand, dass die Piraten sie in ihren Hände bekamen, wäre es vielleicht besser, sich selbst den Dolch in die Brust zu rammen. Tief drinnen wusste sie jedoch, dass sie zu so etwas nicht fähig war. Zu sehr hang die junge Engländerin an ihrem Leben.

***

Die Unbekannte hatte ihm tatsächlich etwas Schiffszwieback und Wein vorbei gebracht, so dass sich sein Hunger in Grenzen hielt. Als Long am Abend an Deck geführt wurde, fiel sein Blick auf Kate. In ihren Augen funkelte der Hass eines Raubtiers, während ihr Körper den lüsternen Blicken der Mannschaft ausgeliefert war. Er hatte mit der ihm unbekannten Frau nicht über die Freundin gesprochen, die es zu retten galt, doch war er sich bei ihrem Anblick sicher, dass sie diese Frau war. Man hatte sie wieder an den vordersten Mast gebunden, wobei man ihre Arme so hinter ihrem Rücken verschnürt hatte, dass sie ihren offenliegenden Busen ungewollt lustvoll präsentierte.

„Sieh sie besser nicht so an“, mahnte einer der Piraten. „Das Stück Fleisch ist nur für den Käpt´n reserviert.“

Katharina warf ihm einen Blick zu, der ihre Verachtung für die Männer an Deck offenbarte. Wenn sie etwas von dem Fluchtplan wusste, schien sie ihr Wissen gut zu verbergen, denn sie taxierte auch Long mit der selben Zornesglut, die ihre tiefblauen Augen in der Abendsonne in lodernde Höllenfeuer verwandelte.

Murdoc, der neue Spießgeselle blickte ihn skeptisch an. Ob er etwas ahnte? Der Überläufer war gerissen und Long traute ihm jede Bosheit zu, die er auch Sliver zu traute. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis er auch gegen den neuen Kapitän vorging. Verrätern und Überläufern war nicht zu trauen. Dies war eine der Lebensweisheiten von Kapitän Rogue.

Während Long den Sextanten einstellte, dachte er kurz an das Schicksal seines alten Käpt`ns. Der Steuermann war sich sicher, dass Richard Rogue den Sturm sicher überstanden hatte. Was würde er tun, wenn er von Slivers Verrat hörte. Würde er überhaupt davon erfahren? Ein Schauer von Wehmut überkam den Steuermann, doch er kämpfte gegen das Gefühl an. Es war nicht gut in der Vergangenheit zu leben. Er musste an die nächsten Tage denken. Seine Konzentration musste dem hier und jetzt gehören.

Plötzlich entdeckten seine Augen am Horizont Möwen. Land konnte also nicht allzu weit sein. Vermutlich waren sie in der Nähe der Bahamas. Im Logbuch trug er jedoch wesentlich weiter westlich gelegene Koordinaten ein. Wenn er wirklich die Flucht wagen sollte, würde dies vielleicht Helfen ihre Spuren zu verwischen. Außerdem war seine Vermutung, dass sich die Goldgreed nahe der Inselgruppe der Bahamas befand, mehr ein Bauchgefühl, als etwas anderes. Der Sturm hatte das Schiff Tage lang wie ein Spielzeug über den Ozean getrieben.

***

Ein Problem hatte sich ganz von alleine gelöst. Um an Deck mehr Platz für ihre Ausschweifungen zu haben, hatten die Piraten aufgrund der ruhigen See das Beiboot selbst zu Wasser gelassen. Als der Abend hereinbrach, verzichteten die arbeitsscheuen Seeleute darauf, das Boot wieder an Deck zu hieven.

Die Nacht war sternenklar und nur eine leichte Brise streifte über die See. Mehrere betrunkene Piraten lagen mit ihren Gespielinnen an Deck. Die Mienen der schlafenden Männer wirkten entspannt und zufrieden. Ihre kleine Welt war in diesem Moment perfekt. Die zahlreichen Frauen, die noch unter Deck in ihren engen Verschlägen hausten, versprachen ihnen eine fette Beute, und vielleicht würde man sich die eine oder andere gar an der Seite eines der Piraten wiederfinden. So machten sie ihren Gespielinnen munter Versprechungen, wenn sie sich ihren Wünschen fügten. Keiner von ihnen dachte über das Morgen nach, wenn ihre kargen Rumvorräte aufgebraucht waren und auch die Rationen langsam knapp würden.

Jane hatte Long aus seinem Verlies befreit und gemeinsam schlichen sie durch die Dunkelheit. Sie hielt eine Pistole fest in der Hand, während sie in einem großen Beutel Proviant und Wasser mit sich schleppte. Ihren Dolch hatte sie in einer Geste des guten Willens an Long abgegeben. Sie musste dem dunkelhäutigen Piraten mit der Glatze vertrauen.

Der Pirat schien sich an Bord der Goldgreed bestens auszukennen, denn zu Janes Verblüffung führte er sie durch das stockfinstere Schiff, ohne sich auch nur einmal zu verirren, während Jane sich auch nach über einem Monat auf dem Handelsschiff immer noch gelegentlich einen falschen Weg nahm. Zumindest hoffte sie, dass er den richtigen Weg nahm.

„Kannst du schwimmen, Jane?“, fragte er sie. Seine gedämpfte Stimme klang angenehm weich und Jane hatte mühe in ihm den mordlüsternen Piraten zu sehen, der ihr Schiff geentert und zusammen mit anderen, Anne vergewaltigt hatte. Sein überlegenes auftreten und sein hünenhafter Wuchs, gefielen ihr.

„Ja“, raunte sie.

„Gut.“ Er öffnete vorsichtig eine der Luken. Die Erbauer des Schiffes hatte sie wohl als Geschützpforte vorgesehen, doch der Eigner des Handelsschiffs hatte nur wenige Geschütze an Bord der Goldgreed bringen lassen. Zu wertvoll war der Laderaum im Vergleich zu dem zweifelhaften Nutzen einer ungeübten Mannschaft. „Kletter da raus und schwimm zum Boot. Ich werde Lady Kate befreien und komme dann zu dir.“

Jane nahm eine der Pistolen und richtete sie halbherzig in Longs Richtung. „Wenn du ohne sie kommst, brauchst du gleich gar nicht kommen.“

„Und ich dachte du kannst ohne mich nicht mehr leben“, schmunzelte der Kahlköpfige. „Jetzt los.“

***

Katharina erwachte, als sich eine große, kräftige Hand um ihren Mund legte und ihren überraschten Aufschrei zu unterbinden. Augenblicklich war sie hellwach. Die schmerzhafte Stellung, in der Slivers Männer sie wieder an den Mast gefesselt hatte, ließ ihr keine Möglichkeit, sich dem Unbekannten zu entziehen. War er gekommen, um sie zu vergewaltigen?

„Schssss“, raunte ihr der Mann zu und sie erkannte im Sternenlicht Longs glatt rasieren Kopf, als er vor sie trat. „Ganz ruhig. Jane Sinner schickt mich. Ich bin hier um Sie zu befreien. Ich werde jetzt die Hand von Ihrem Mund nehmen. Ganz ruhig, Lady Kate.“

Sie sah das Aufblitzen einer Klinge und kämpfte immer noch gegen die Panik an, die sie zu überwältigen drohte. Einen Augenblick später spürte sie einen Ruck an ihren fast tauben Handgelenken, dann lösten sich die Fesseln und Katharina sank kraftlos in die Arme des Mannes.

„Was suchst du bei der Frau?“, rief plötzlich eine raue Stimme aus der Dunkelheit.

Long wusste, dass sie entdeckt worden waren und bald das ganze Deck voller Piraten über sie herfallen würde. Kurz entschlossen packte er Katharina unter den Arm und Kniebeugen und lief mit ihr an Steuerbord. Er warf sie über die Rehling und sprang augenblicklich hinterher, während die Piraten sich gerade erst aufrappelten.

Katharina tauchte tief ins Wasser ein. Ihr Unterkleid sog sich augenblicklich voller Wasser. Verzweifelt strampelte sie und versuchte in pechschwarzer Nacht unter Wasser die Orientierung zu finden. Gedämpft hörte sie Schreie und schließlich stieß sie mit den Armen erleichtert an die Oberfläche.

Long war neben ihr und zog sie mit sich. Das Kleid behinderte sie jedoch bei ihrer Flucht in die Finsternis. Zu allem Überfluss hatten die Piraten inzwischen Fackeln an Deck gebracht und leuchteten in die Richtung, in die Long mit ihr als Ballast schwamm.

„Da sind sie!“

„Holt die Musketen!“

Der Steuermann hoffte, dass Jane genug Verstand hatte, das Beiboot loszubinden und zu ihnen zu rudern. Das Licht der Fackeln erleuchtete ihren Standpunkt schließlich mehr als ausreichend. Da Kates Kleid sie bei ihrer Flucht hinderte, löste er das Problem recht radikal. Er drehte sich kurz zu ihr um und riss es ihr mit seinen kräftigen Händen vom Körper.

„Was tut Ihr?“, rief Katharina erschrocken.

„Uns beiden das Leben retten. So können wir schneller davon schwimmen. Haltet Euch an meinen Rücken fest. Jane wird uns bald mit dem Boot auffischen.“ Letzteres war zumindest Longs große Hoffnung. Er würde ungerne eine solch gewagte Flucht hinlegen, um dann einfach in den Weiten des Altantik zu ertrinken.

Katharina, die sich selbst kaum über Wasser halten, geschweige den richtig schwimmen konnte, klammerte sich verzweifelt an dem kräftigen Körper des Piraten fest. Sie spürte seinen nackte Haut, die sich an ihren Brüsten rieb, während er mit kräftigen Tempos durchs Wasser glitt.

„Knallt sie hab!“, rief einer und in dem Moment feuerten zwei Musketen vom Deck der Goldgreed.

Die erste Kugel schlug weit entfernt in der Dunkelheit ein, doch die Zweite zischte an Kates Ohr vorbei und schlug unmittelbar vor ihnen im Wasser auf. Da erschien jedoch auch schon Jane wie aus dem Nichts und reichte Katharina ihre rettende Hand.

Vollkommen Nackt fiel sie in das ungefähr 5 Meter lange Ruderboot, während Long selbstständig an Bord kletterte. Erneut viel ein Musketenschuss und dann schrie eine kräftige Stimme: „Gebt auf und wir lassen euch am Leben. Long, du weißt, dass ihr keine Chance habt. Wir finden euch und dann wird nicht mal Gott euch helfen können.“

Katharina hob ihren Kopf und blickt zu dem ungefähr dreißig Meter entfernt stehenden Sliver. Flankiert wurde er von zwei Männern mit fackeln, während Murdoc, der Überläufer eine Muskete auf sie richtete. Im Schein der Fackeln hatte sie die Griffe der Pistolen gesehen, die ihr Onkel ihr vermacht hatte. Sie zog die erste aus Janes Vorratsbeutel und richtete sie auf Sliver. Ihr ganzer Hass galt diesem Mann, doch dann entschied sie sich für Murdoc, der ebenfalls auf sie zielte.

„Fahrt zur Hölle!“, rief Kate und drückte den Abzug. Murdoc und sie schossen im selben Augenblick. Kates Pistolenkugel donnerte gegen die Außenhülle der Goldgreed, ohne Schaden anzurichten. Murdocs Kugel schlug unmittelbar vor dem kleinen Boot ins Wasser und ließ einen feinen Sprühregen über das Boot niedergehen. Long setzte sich auf die Ruderbank und ergriff die beiden Ruder.

„Wollt Ihr uns damit etwa versenken, Mädchen? Wir kriegen euch, und dann werde ich Euch zeugen, was man mit einem langen Rohr noch alles anstellen kann“, lachte Sliver überheblich. Kate ergriff die zweite Pistole und schoss erneut. Blut spritze im Licht der Fackeln auf und Sliver hielt sich an den Kopf, bevor er getroffen zu Boden ging.

Die nackte Amazone lächelte zufrieden, während das Boot getrieben von den kräftigen Ruderschlägen ihres Retters in der Dunkelheit verschwand.

Kommentare:

  1. Boar ich habe gerade alle teile verschlungen, die Geschihcte ist ja der hammer...mehr!!!

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  2. he da, bitte weiterschreiben! :) long klingt doch echt mal nett, bin sehr gespannt ob er was mit jane und oder katherina anfängt... ;)

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  3. Huhu,

    eine wirklich tolle und erregende Geschichte.
    Ich würde mich sehr über eine Fortsetzung freuen.

    Vielleicht finden sie ja den eigentlichen Kapitän wieder?

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  4. HI Krystan

    hab gerade alle Teile gelesen, eine spannende Geschichte
    denk mal über eine Fortsetzung nach bitte

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  5. Hey das ist ja bald schon ein Roman Krystan .
    Mach weiter auch wenn mir dieser Teil der Story
    nur die Wertung 6 wert ist.
    HHH

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