Donnerstag, 11. November 2010

Die Piratenprinzessin

Die Piratenprinzessin
© Krystan

Prolog

Hamburg 1679 A.D.

Dichter Nebel hüllte den Hamburger Hafen in ein schauriges Kleid. Die Sonne war noch nicht aus ihrem Schlummer erwacht und so mussten Fackeln für eine spärliche Beleuchtung sorgen.
Die schwarze Kutsche wurde von vier kräftigen dunklen Pferden gezogen. Jedes von ihnen war so groß wie ein Mann und wog soviel wie ein Dutzend. Zwei Männer saßen auf dem Kutschbock. Einer hielt Peitsche und Zügel, der andere seinen Hut auf dem Kopf.
Sie eilten an Spelunken und Hurenhäusern vorbei, vor deren Türen die menschlichen Überreste einer durchzechten Nacht lagen. Warenhäuser und Krämerläden lagen ebenfalls auf ihrem Weg. Manch ein fleißiger Händler schloss gerade im Kerzenlicht sein Kontor auf.
Auf der anderen Seite der Straße lagen Handelsschiffe, Schaluppen und Barken am Kai vertäut. Männer und Knaben in schäbigen Lumpen trugen Fässer und Kisten auf die Schiffe, oder entluden diese. Es war eine harte Arbeit, doch jeder war froh wenigstens diese zu bekommen.
Die Kutsche hielt schließlich vor einem Handelsschiff mit dem Namen Goldgreed. Die Goldgreed hatte drei Masten, die in Finsternis emporragten. Der Kapitän des Schiffes stand auf der Brücke und sah zu dem Wagen herunter. Er erkannte das Wappen an der Kutschentür und eilte sogleich von Bord.
Mit einer schwungvollen Bewegung sprang der Mann mit dem Hut vom Kutschbock. Der Kapitän und der ältere Mann unterhielten sich kurz, dann ging er ging zur Seitentür des Wagens und öffnete diese.
„Fräulein Katharina, wir sind da", meinte er mit einem freundlichen Lächeln, welches hinter seinem ergrauten Vollbart zur Geltung kam.
Eine junge Frau, der Kindheit vor nicht all zu langer Zeit entwachsen, stieg aus der schmalen Kabine. Sie hatte langes dunkelblondes Haar, welches von einer kleinen Haube bedeckt wurde. Auf der ihr gegenüberliegenden Sitzbank saß eine Frau, die schon die 40 hinter sich hatte, mit strengem Blick und eben so dunklem Haar. Als das Mädchen die Kutsche verlassen hatte, erhob auch sie sich.
„Konntet Ihr während der Reise gut schlafen?“
„Nein, Onkel", meinte die junge Frau mit leicht verschlafenen blauen Augen.
„Die Straße war auch sehr holprig. Diese Hamburger Bürger haben zwar Geld für Häuser, ihre Straßen lassen sie aber verkommen", murrte die Dunkelhaarige. „Jedes Schlagloch hat mir fast die Bandscheiben herausgehauen.“ Sie blickte sich um und stellte dann fest: „Es ist ja noch mitten in der Nacht. Der Kutscher hätte wirklich mehr Rücksicht auf uns nehmen können.“
„Ich werde es ihm bei der Rückfahrt einschärfen", seufzte der Mann. Er trug dunkle weit geschnittene Gewänder aus Samt. An seinem Gürtel trug er einen reich verzierten Degen, der in einer ebenfalls verzierten der Scheide steckte. Der Kutscher war derweil damit beschäftigt schwere Truhen vom Dach der Kutsche zu ab zu laden. Ein paar Matrosen kamen vom Schiff und halfen ihm dabei.
„Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Herzog", meinte die Frau, ohne dass diese Worte allerdings ihre Laune steigerten.
„Dies ist für keinen von uns ein leichter Tag, Gräfin. Trotzdem wollen wir ihn voller Freude auf uns nehmen. Schließlich wird mein Mündel heute auf die große Reise gehen, um ihre zukünftigen Ehemann zu treffen. Ihr freut Euch doch gewiss auch meine teuerste Gräfin. Schließlich habt Ihr in den vergangenen Jahren gut über die Erziehung unserer Schönheit hier gewacht.“ Er legte einen Arm auf die Schulter des Mädchens, welches staunend zu dem Schiff aufblickte. Sie hatte noch nie ein so gewaltiges Schiff gesehen. Die Lastkähne auf der Elbe oder die Küstenschiffe in Greifswald und Stettin waren viel kleiner. Vor allem aber hatten sie keine Doppelreihe an Geschützpforten, welche eindrucksvoll von der Wehrhaftigkeit des Schiffs kündete.
„Katharina, dies ist das Schiff deines Ehemanns. Es wird dich nach Southampton bringen. Dort wartet Sir Thomas auf dich.“
Das Seufzen der jungen Frau war deutlich zu hören.
„Aber, aber", mahnte die Gräfin. „Dieses Seufzen gehört sich nicht für eine Dame.“
„Mein zukünftiger Mann könnte sich wenigstens die Mühe machen, mich abzuholen. Schließlich bringt ihr beide mich auch hier her nach Hamburg.“
„Dein zukünftiger Mann hat ein eigenes Schiff geschickt um dich zu sich nach England zu bringen", wand die Gräfin ein.
„Nicht nach England, meine Teuerste", erklärte der Herzog. „Das Schiff fährt nur über Southampton. Dort steigt Sir Thomas zu. Danach geht die Reise weiter über den Atlantik.“
„Oh Gott, wieso den das?“, fragte die dunkelhaarige Gräfin und hielt sich die Hand vor den Mund.
Katharina hörte nicht zu. Sie wusste bereits, dass ihre Zukunft in der neuen Welt lag. Sie war als Kind an den Sohn eines reichen Bürgers verkauft worden. Da sie das uneheliche Kind eines Adligen war, der zudem noch hohe Schulden hatte, war dies der einfachste Weg gewesen, sich um sie zu kümmern. Ihre Mutter, eine Bürgerliche, war bei der Geburt gestorben, und ihr Vater hatte sie in die Obhut des Herzogs von Mecklenburg gegeben. Dieser hatte seine Cousine, die verwitwete Gräfin von Holzen darum gebeten, sich um das Kind zu kümmern.
Zwar war sie inzwischen anerkannt und geadelt worden. Doch dienten ihre Adelspapiere nur zur Steigerung ihres Werts. Als Mitglied des halten Greifengeschlechts, war sie eine begehrte Partie für die neureichen Bürger, die sich so in den Adel einkauften.
Eigentlich war sie schon mit 14 an ihren zukünftigen Mann versprochen worden, doch auf Drängen des Herzogs war sie nun an ihrem 18. Geburtstag auf den Weg zu einem Mann, denn sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Gräfin hatte immer wieder betont, wie gut es sei, einen wohlhabenden Mann zu haben, und dass man über den Makel seines bürgerlichen Bluts hinweg sehen müsse.
Katharina hatte dies nie als Makel gesehen. Ihre Mutter war ja selbst eine Bürgerliche gewesen. Es störte sie viel mehr, dass ihr Vater, denn sie selbst nur drei Mal in ihrem Leben gesehen hatte, sie an einen Fremden für Geld verkauft hatte. So lenkte sie sich jetzt davon ab, in dem sie dem Schiff ihre besondere Aufmerksamkeit widmete. Sie beobachtete die Matrosen bei der Arbeit. Sah, wie Taue verknotet wurden, wie Kisten und Fässer verstaut wurden, und wie auch ihre persönliche Habe im Schiffsrumpf verschwand.
„Der alte Lakewingtons hat wohl einige sehr erfolgreiche Unternehmungen in den Kolonien gemacht. Sein Sohn, Sir Thomas hat diese geerbt und will nun dort leben.“
„Ach ist der Lakewington gestorben?“
„Ich glaube nicht, es ist wohl nur so eine Art Mitgift, damit sein Sohn lernt, auf eigenen Füßen zu stehen.“
„Aber er ist doch schon 25.“
„Nicht jeder Mann ist in diesem Alter schon ein Mann", lachte der Herzog.
„Mein verstorbener Mann, der Graf, wusste schon mit 16 seinen Mann zu stehen. Da merkt man sein wahres adliges Geblüt", warf die Frau ein und legte dann ihre Hand auf Katharinas Schulter. „Kind, träumst du schon wieder? Wir müssen weiter. Du solltest an Bord gehen.“
Der Herzog eine Schatulle vom Kutschbock und reichte diese dem Kapitän des Schiffes.
„Passen Sie gut darauf auf Kapitän Shiffort, das sind die Adelspapiere für Euren Herrn.“
„Ich werde sie hüten wie meinen Augapfel, Herzog", meinte der edel gekleidete Kapitän mit einer leichten Verbeugung. „Ich habe ein Zimmer für das Fräulein herrichten lassen. Ihre Sachen werden bereits in der Kabine gebracht.“
„Würden Sie uns bitte hinbringen?“ Herzog Gustav nahm noch einen kleinen lackierten Kasten aus einem Fach an der Kutsche und folgte dann zusammen mit seinem Mündel Katharina, dem Kapitän aufs Schiff. Die Gräfin überlegte kurz den Beiden zu folgen, doch als sie die junge Katharina über die schaukelnde Blanke tänzeln sah, ließ sie von dem Ansinnen ab.

Die Kabine war drei Mal zwei Meter groß, und im Heck des Schiffes untergebracht. Das Bett war an der Außenwand des Schiffes angebracht und nahm zusammen mit ihrem Gepäck einen Großteil des Platzes ein.
„Nicht so schön wie dein Zimmer in Schloss, Kindchen. Aber es ist ja nur für die Reise", meinte Gustav aufmunternd. Sie waren jetzt alleine in dem Zimmer und der Platz reiche kaum um sich, um zu drehen.
„Es wird schon gehen.“ Katharina lächelte tapfer.
„Denk daran, du bist Katharina von Greifen. In deinen Adern fließt das Blut eines alten Geschlechts. Und dieser Thomas soll dich hüten wie einen Schatz. Schließlich werden eure Nachkommen ebenfalls dieses Blut in ihre Adern tragen. Du bringst zwar kein Land, keinen Besitz in die Ehe. Aber dennoch bringst du etwas mit, was er, seine Familie unbedingt will.“
„Sprich weiter so Onkel, und ich fühle mich wie eine Leibeigene.“ Wenn sie alleine waren, nannte sie ihn immer Onkel, auch wenn ihre Blutsverwandtschaft schon Jahrhunderte zurücklag. Der Herzog verzog leicht die Mine und griff dann nach dem Holzkasten, welchen er mit aufs Schiff genommen hatte, und reichte ihn dem Mädchen.
„Einer Leibeigenen würde ich aber das nicht überlassen", sprach er mit einer gewissen Ernsthaftigkeit.
„Was ist das?“
Der Herzog öffnete den Kasten. Er war mit dunklem Stoff ausgelegt. In seinem Inneren befanden sich zwei dekorative Steinschlosspistolen sowie ein Pulverfläschchen, ein Ladestock, eine Kugelzange, kleine quadratische Stoffstücke sowie ein Dutzend Bleikugeln.
„Die Pistolen hatte ich für meinen Sohn gekauft. Nun schenke ich sie dir.“
„Aber …“, setzte sie zu einem Einwand an, doch er unterbrach sie.
„Nichts aber. Mein Sohn ist tot, und du bist das einzige Kind, das ich jemals als Tochter empfand. Du trittst eine schwierige Reise an.“
„Du wirst andere Kinder haben.“
„Vielleicht, aber bis diese so groß sind, hat sich irgendein Mensch bestimmt schon wieder eine neue Waffe ausgedacht. Außerdem ist es da, wo du hinreist, nicht ungefährlich. In der Neuen Welt gibt es wilde Eingeborene, die einer hübschen jungen Frau wie dir wer weiß was antun wollen. Außerdem gibt es dort nur wenige Männer. Und wenn du dein Mann gerade nicht da ist, kannst du dich mit denen auch gegen diese Art der Zudringlichkeit schützen.“
Er sprach klare Worte und Katharina verstand sie. Sie ahnte auch, dass seine Sorge mit ein Grund gewesen war, warum er das Mädchen in den letzten Jahren so oft mit zur Jagd genommen hatte. Für Mädchen und Frauen war es schließlich sehr ungewöhnlich, mit einer Muskete bewaffnet auf Hirschjagd zu gehen. Auch hatte er ihr einen Fechtlehrer finanziert, welcher der wissbegierigen jungen Frau den spannenden Umgang mit dem Rapier beigebracht hatte.
Sie senkte leicht ihr Haupt und nahm die Kiste mit dankbarer Mine an sich.
„Danke, Onkel", sprach sie.
Der Herzog nickte, dann holte er unter seinem Gewand noch etwas Weiteres hervor. Es war ein Lederbeutel. Er reichte diesen dem Mädchen, welches ihn sogleich öffnete. In diesem befanden sich eine stattliche Anzahl von Münzen. Es war eine wertvolle Mischung aus Gold und Silbermünzen.
„Dies ist nicht deine Aussteuer, sondern das Geschenk deines Onkels. Bewahre es gut, Katharina. Auch wenn du die Frau eines reichen Mannes wirst, so ist es nicht verkehrt ein wenig Gold zu besitzen, vor allem nicht, solange du in der Welt, in die du hineinheiratest, fremd bist.“
„Du beschämst mich Onkel. Du hast so lange für mich gesorgt, und nun beschenkst du mich so reichlich, und mit mehr Fürsorge als irgendwer sonst.“
„Du warst mir immer die Tochter, die ich nie haben durfte. Nun ziehst du raus in eine Welt, in der ich dich nicht mehr beschützen kann", sprach der Herzog und streifte mit der Hand sein Kinn.
„Ich wird dich immer in meinem Herzen tragen, Onkel", gelobte das Mädchen. Dann wurde sie von einem Gefühl übermannt, welches stärker war als all der angelernte Anstand. Sie stürmte auf ihn zu und schlang beide Arme um ihn. Er ließ sie gewähren und legte ganz ohne Scham seine Arme um sie, als er ihr schluchzen vernahm. Er tröstete sie, und tröstete sich selbst, denn auch er litt unter dem Abschiedschmerz. Das Mädchen war seine Tochter, seine Freundin, sein Lebenslicht für so viele ansonsten düstere Jahre gewesen. Nun musste er sie ziehen lassen. Nicht nur in die Arme eines Fremden, an den sie vor Jahren wie ein Stück Vieh verkauft wurde. Nicht nur in die Ehe mit einem anderen Mann. Nein, er muss sie in die Neue Welt ziehen lassen. Einen Ort, der gefährlicher war, als es das alte, von Krieg und Intrigen zerrüttete Europa jemals sein konnte.
Er blickte zu ihr herab, wischte ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie liebevoll auf die Stirn. „Und du wirst immer mein Lebenslicht sein", hauchte er ihr zu.

Das Schiff lief hinaus in eine verschleierte Welt. Katharina konnte schon nach wenigen Augenschlägen nur noch schwarze umrisse von der Kutsche und ihrem Onkel erkennen. Das einzige Geräusch war das Schlagen der Ruder von zwei Dutzend kräftiger Männer, die mit den Beibooten der Goldgreed das Schiff vom Ufer wegzogen.
Unruhig wanderte sie an Deck hin und her. Selbst die Ruderboote waren kaum zu sehen. Dunkle Schatten eine Geisterwelt. Nur die dicken Taue, die sie mit dem Handelsschiff verbanden, zeugten von ihrer Anwesenheit.
„Ihr solltet unter Deck gehen, Miss.“, sprach der Bootsmann zu ihr. Er war im Gegensatz zu den Matrosen gut gekleidet, und trug gut sichtbar einen Dolch und eine Peitsche am Gürtel. „Ein Schiffsdeck ist kein Ort für eine Frau.“
„Dann beachtet mich einfach nicht", gab Katharina zurück. Der Geruch von verfaulten Zähnen und Knoblauch stieg ihr in die Nase.
„Es wird für die Männer schwer sein, eine Frau wie Euch nicht zu beachten.“ Der Blick des Mannes hatte etwas Grimmiges und Gefährliches an sich. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
„Gibt es irgendwelche Probleme, Mister Murdoc?“, erklang die Stimme des Kapitäns. Wie ein Geist war er auf einmal neben ihnen aufgetaucht.
„Nein, Sir", schüttelte der Bootsmann verächtlich seinen Kopf. „Ich wollte die Miss nur darauf hinweisen, dass es an Deck für eine Frau gefährlich ist.“
„Wohl war", pflichtete der Kapitän Shiffort ihm zu.
„Solange das Schiff nur gezogen wird, besteht doch gewiss keine Gefahr für mich, oder? Bitte, ich würde noch gerne etwas die frische Meeresluft genießen.“ Katharina blickte Shiffort sehnsüchtig mit ihren tiefblauen Augen an.
„Gewiss, Miss. Ich denke, wenn ihr Euch auf der Brücke aufhaltet, wird Euch keine Gefahr drohen. Oder, Mister Murdoc?“
„Nein, Sir.“
„Gut, dann folgt mir. Ich bringe Euch zur Brücke.“

Kapitän Shiffort verbrachte in den folgenden Tagen viel Zeit damit, der hübschen Katharina zu schmeicheln, und ihr nebenbei die Funktionsweise des Schiffes zu erklären. Er betonte zwar immer wieder, dass dies wohl nichts sei, was eine Frau interessiere, aber sie brachte ihn trotzdem immer wieder drauf zurück.
Das Mädchen fand auf diese weise Zerstreuung und verdrängte damit die Ängste, welche mit der Reise, der Hochzeit, und ihrem neuen Leben zusammenhingen. Sie konnte nicht glauben, dass sie bald tatsächlich einen vollkommen Fremden heiraten würden. Einen Mann, dessen Gesicht sie nur von einem Porte kannte, auf dem er 17 war. Man hatte es ihr, als sie 10 war in ihr Zimmer gehängt. Zum Glück hatte ihr Onkel es nach der Abreise des Gesandten wieder entfernen lassen.




Kapitel 1

Southampton 1679 A.D.


Der Hafen von Southampton lag im hellen Sonnenlicht, während gleichzeitig dunkle Wolken über dem Horizont rasten. Katharina trug ein dunkelrotes Kleid, welches mit zahlreichen Spitzen Verzierungen ausgestattet war. Sie stand auf der Brücke, und der Wind blies ihr ins Gesicht. Sie genoss dieses Aufbäumen der stürmischen Gischt. Es fühlte sich gut an. Es fühlte sich lebendig an.
Die Mannschaft der Goldgreed war gerade damit beschäftigt, die Ladung, die sie in Hamburg aufgenommen hatten zu löschen. Fässer und Kisten wurden aus dem Rumpf des Schiffes getragen und zugleich von zahllosen Hafenarbeitern davon getragen. Männer riefen wild durcheinander, sodass Katharina dem derben Dialekt kaum folgen konnte.
Die Augen der jungen Frau waren rastlos die Kaimauer entlang. Ob ihr Verlobter schon auf sie wartete? Angestrengt suchte ihr Auge in dem Gewirr von Menschen, welches einem aufgescheuchten Armeisenhaufen glich. Immer wieder fand sie jemanden, der es vielleicht sein könnte. Aber niemand der Männer kam auf das Schiff.
Als die Sonne bereits im Westen unterging, hatte sie die Hoffnung bereits fast aufgegeben. Kapitän Shiffort versicherte ihr, dass er wohl bald kommen werde. Das Schiff würde in jedem Fall noch ein paar Tage hier im Hafen verweilen. Vielleicht wollte ihr Verlobter deshalb ja noch einen Tag in London verbringen.

Aus einem Tag wurden fünf. Das Schiff war entladen, und die Mannschaft hatte sich zu einem guten Teil in den Tavernen der englischen Hafenstadt verkrochen. Auch Katharina hatte zwei Mal die Stadt in Begleitung von Kapitän Shiffort aufgesucht. Der Mann hatte zwar das raue Wesen eines Seebären, jedoch auch die Manieren eines Adligen.
Sie erfuhr, dass Shiffort der zweite Sohn eines armen Landadligen gewesen war, dessen einzige Hoffnung auf Wohlstand, der Dienst in der Marine war. Da sein Vater ihm jedoch kein Offizierspaten in der Royal Navy kaufen konnte, konnte er nur mit seinen bescheidenen Mitteln in der Handelsmarine von Sir Lakewington anfangen. So diente er dem alten Lakewington seid mehr als zwanzig Jahren.
„Und nun bringe ich die Gemahlin seines Sohnes zu ihrer Hochzeit. Es ist mir eine große Ehre", meinte er schließlich, als sie wieder an Bord des Schiffes waren. Er verbeugte sich leicht und gab ihr einen galanten Handkuss.
„Die Ehre ist ganz auf meiner Seite", erwiderte sie.
Seltsam, ich scheine einen besonderen Charme auf ältere Männer aus zu üben, dachte sie. Als sie wieder in ihrer Kabine war, und ihr Kleid auszog. Ihr blondes Haar fiel über ihre Schulter, als sie mit dem Kamm durch dieses glitt. Sie war es nie gewohnt eine Zofe zu haben, und dieser Umstand war nun von Vorteil. Vermutlich würde Sir Thomas ihr in ihrem neuen Heim eine besorgen, aber sie kam auch ohne prima zurecht. Der Herzog hatte immer großen Wert auf ihre Selbstständigkeit gelegt, und die letzten Tage an Bord der Goldgreed gaben ihm recht.
Katharina vermisste ihren Onkel. Shiffort war zwar im selben Alter wie er, doch fehlte diese intime Vertrautheit, die zwischen ihnen geherrscht hatte. Ob Shiffort sie auch als eine Art Tochter ansah? Sie wusste es nicht. In jedem Fall fehlte ihm jener gierige lüsterne Blick, mit dem die Mitglieder der Mannschaft sie des Öfteren anstarrten. Es waren primitive, instinktgesteuerte Blicke, wie sie wohl nur das gemeine Volk besaß.
Nur in ihrem Unterrock bekleidet, ließ sie sich ins Bett fallen. Das leichte Schaukeln des Schiffs störte sie nicht weitere. Ihre Hände tasteten nach dem Pistolenkasten. Mit einem Klicken entriegelte sie das Schloss. Sie nahm eine der sorgfältig gefertigten Waffen aus dem Kasten und betrachtete sie genau.
Es war eine der modernen Steinschlosspistolen. Sie spannte den Hahn, richtete die Waffe auf die Tür. Sollte jemand von den Kerlen kommen, um sie zu schänden, würde sie ihn damit gebührend empfangen. Sie zog den Abzug, und der Feuerstein sauste gegen den Stahl. Funken schlugen. Und … nichts geschah.
Das Mädchen schmunzelte leicht. Sie griff nach dem Ladestock, der parallel zum Lauf angebracht war. Sie führte ihn sachte mehrmals in den eisernen Lauf ein und aus, um sicher zustellen, dass er sauber war. Dann nahm sie die Pulverflasche und füllte Schwarzpulver hinein. Sie hatte diesen Vorgang schon öfters gemacht. Bis jetzt jedoch immer bei Musketen, die man nur im Stehen laden konnte.
Sie nahm den Ladestock und presste das Schießpulver zusammen. Dass sie gerade eine tödliche Waffe lud, ließ ihr Herz schneller schlagen. Ihr blondes Haar fiel ihr ins Gesicht, während ihre Finger eine Kugel herausholten und in ein Stück Stoff wickelte. Mit diesem Schusspflaster trieb sie die Kugel in den Lauf. Mehrmals glitt der Ladestock hinein und hinaus.
Zum Schluss wurde etwas Zündkraut, feines Schwarzpulver, auf die Zündpfanne gestreut. Katharina schloss die Metallklappe der Batterie. Die Pistole war nun schussbereit. Vorsicht legte sie die Waffe zurück in den Kasten und lud die Nächste. Als sie fertig war, verschloss sie ihn wieder und legte sich rücklings in ihr Bett. Kurz leckte sie über ihre Finger und brachte dann die Kerze zum Erlöschen. Das leichte Schaukeln des Schiffskörpers wirkte beruhigend und wiegte sie so sanft in den Schlaf.

Lautes Getrampel auf dem Deck weckte sie auf. Sie hörte Stimmen und Katharina von Greifen sprang aus ihrem Bett. Sie griff nach einem einfachen braungrünen Kleid und streifte es sich über. Sie öffnete ihre Kabine und ging durch einen schmalen Gang zum Hauptdeck. Es war noch dunkel, und jedes Zeitgefühl war verloren. Sie erblickte Kapitän Shiffort und von ihm verdeckt einen anderen Mann.
„Was ist los?“, fragte Katharina, ohne sich vorzustellen. Sie war es gewohnt, dass man ihr Beachtung schenkte, und die gehobene Erziehung der Gräfin war um diese Uhrzeit schnell vergessen.
Der Kapitän drehte sich um, und sie konnte nun auch einen Blick auf den anderen Mann erhaschen. Er war blass und von durchschnittlicher Schönheit. Sein Gesicht war durch einige Pickel gezeichnet. Sein rotes Haar begann, trotz seiner jungen Jahre, schon recht schütter zu wirken. Der Kapitän fand als Erster seine Stimme und sprach: „Sir Thomas. Dies ist Miss Katharina. Eure Verlobte.“
„Ah, der deutsche Kartoffelsack, den mein Vater für mich gekauft hat. Sind ihre Adelspapiere an Bord?“ Ihr Mund öffnete sich ob dieser gleichgültigen Beleidigung.
„Ja, Sir Thomas.“ Der Kapitän blickte ein wenig verstört zu ihr, während sie um Haltung rang.
„Gut, hallo", sprach Sir Thomas gleichgültig zu ihr. Katharina wurde von einem Schwall Alkoholnebel eingehüllt. Angewidert von seiner Begrüßung drehte sie ihren Kopf von ihm weg. „Bringt meine Sachen in die Kabine. Ich komme dann morgen an Bord. Einmal muss ich noch eine anständige englische Hure und den Wein einer Taverne kosten, bevor mich mein Vater ins Exil schickt. Passt auf mein Weib auf, solange wir nicht verheiratet sind, ist sie so wertvoll wie ihre Adelspapiere.“
Mit diesen Worten drehte sich der Thomas Lakewington um, und machte sich daran, sie wieder zu verlassen. Ein Matrose schleppte im Licht der Fackel eine schwere Kiste an Bord. Ungeschickt, wie er war, prallte der betrunkene, gegen den kräftigen Mann und stürzte beinahe ins Wasser. Der Matrose ließ die Kiste fallen und hielt den Sohn des Schiffseigners von einem ungewollten Bad ab.
„Pass doch auf, du verdammter Hurensohn", fluchte dieser und wand sich aus dem Griff seines Retters und blickte ihn wutentbrannt an. „Du unverschämter Kerl. Ich bin bald ein Adliger. Mich an zu greifen, bedeutet den Staat anzugreifen. Verschwinde.“
Der von Sonne und Wind geschliffene Seemann verzichtete auf eine Antwort. Er ergriff die Kiste und setzte seinen Weg fort.
„Ja, verschwinde, bevor ich dich hängen lasse", rief Sir Thomas. Dann drehte er sich um, und ging von Bord. Auch Katharina verschwand ohne ein weiteres Wort wieder unter Deck. Auf dem Weg in ihre Kabine kam ihr der Matrose entgegen. Im schmalen Gang musste sie ihren Körper an seinen pressen, um an ihm vorbei zu kommen. Innerlich kochte sie vor Wut. Was war Sir Thomas nur für ein Unmensch. Da spürte sie einen Druck auf ihrem Busen. Begrapschte sie der Mann etwa? Ohne nachzudenken, gab sie ihm eine kräftige Ohrfeige. Im selben Augenblick realisierte sie erst, dass er ja stehen geblieben war, und sie sich an ihm vorbei zwängte. Er hatte seine Arme erhoben, und konnte sie also gar nicht begrapscht haben. Aber der Gedanke kam zu spät.
„Geht es Ihnen jetzt besser? Oder wollen Sie mich noch einmal schlagen, Miss?“, sprach der Mann ruhig.
„Entschuldigen Sie bitte", meinte sie plötzlich ganz klein Laut.
„Manchmal muss man einfach jemanden Schlagen, Miss. Und ich kann einiges verkraften", lächelte der Mann, der wohl um die 30 war, und struppiges dunkles Haar hatte.
„Ja", antwortete sie nur. „Danke.“
Mit diesen Worten stahl sie sich an ihm vorbei, und verschwand in ihrer Kabine. Mit tränen in den Augen sank sie in ihre Kissen. In dieser Nacht schien eine Welt über ihr zusammenzubrechen. Stunden vergingen, in denen sie ihr Unglück tränenreich in die Kissen entleerte. Leise betete sie um ein Wunder. Sie betete darum, dass alles nur ein böser Traum gewesen war. Dies konnte nicht, Sir Thomas Lakewington gewesen sein. Er durfte es nicht gewesen sein.

Der nächste Morgen brachte für sie jedoch keine Erlösung. Früh wurde sie durch laute Geräusche geweckt. Das Schiff wurde beladen und zum Auslaufen vorbereitet. Die Fracht der Goldgreed bestand, neben Waren für die Kolonien, aus Menschen. Sträflingen, die als Sklaven in die Neue Welt geschickt wurden.
Das Mädchen beobachtete, wie die menschliche Fracht, in Paaren zusammengekettete Kinder, Männer und Frauen, im vorderen Teil des Schiffes unter Deck gebracht wurde. Dort hatte man behelfsmäßig Stroh ausgelegt. Die Menschen wurden wie Vieh verladen und zusammen gepfercht.
Ihr Blick wanderte hoch zur Brücke. Dort entdeckte sie Thomas Lakewington. Er sah im Tageslicht noch kränklicher und abstoßender aus, als im Licht der nächtlichen Fackeln. Er hielt sich an der hölzernen Reling fest und würdigte sie keines Blickes. Trotzdem hielt er wohl nach irgendetwas Ausschau. Kurz trafen sich einmal ihre Blicke, und augenblicklich sah sie weder weg. Ob er ein schlechtes Gewissen, wegen seines frevelhaften Verhaltens von gestern hatte? Menschen, die zu viel Alkohol getrunken hatten, waren oft unleidlich. Katharina versuchte, den Gedanken an seine Worte abzuschütteln. Deutscher Kartoffelsack hatte er zu ihr gesagt. Wie konnte er nur. Sie wusste, dass sie zweifelsohne eine Schönheit war. Gewiss hatte sie nicht den Hochmut sich als schönste Frau auf Gottes Erde zu bezeichnen, doch als Kartoffelsack?

Der Bootsmann und der Schiffsarzt inspizierten gemeinsam die menschliche Fracht. Bei den weiblichen Passagieren achteten sie besonders darauf, dass alles in Ordnung war. Gierig begrapschte der Bootsmann die Körper der verurteilten Huren, Diebinnen, Hochstaplerinnen und Straßenmädchen.
An Frauen herrschte in der Neuen Welt ein richtiger Mangel, und findige Geschäftsleute nutzten diesen Umstand aus. Sie taten sich mit Richtern zusammen, die ihnen genehme und profitable Urteile fällten. So sorgten sie mitunter selbst dafür, dass eine ausreichende Anzahl, idealerweise junger Frauen, vor den Richter kamen, die nicht über die gesellschaftliche Rückendeckung verfügten, sich zu wehren.
Der Staat bezahlte die Unternehmer für die Deportation der Verurteilten. Gleichzeitig konnten dieselben Geschäftsleute, diese Sklaven dann in der Neuen Welt an den Meistbietenden verkaufen. Manch ein Plantagenbesitzer hatte sich auf diese Weise schon eine Ehefrau oder ein paar Mätressen gekauft. Oft auch beides.
Der Bootsmann prüfte den Busen einer jungen Rothaarigen. Dazu entblößte er ihre recht üppigen aber schön geformten Brüste, welche zuvor unter dem braunen Leinengewand schlummerten. Vor den Augen der versammelten Mannschaft, und auch Thomas Lakewingtons, streichelte er einem Liebhaber gleich über diese jungen Früchte der Lust.
Da traf ihn die schlanke Faust der Rothaarigen genau an der Nase und er torkelte einen Moment zurück, und laut schrie auf. Gelächter breitete sich unter den Matrosen aus, und auch Katharina konnte eine gewisse Genugtuung.
Der Bootsmann fasste sich und griff nach seiner Peitsche, während zwei Matrosen die widerborstige junge Frau fest hielten. Er holte aus und wollte gerade zuschlagen, als der Kapitän rief: „Das reicht, Mister Murdoc. Ich denke für heute haben wir genug gesehen. Verstaut die Fracht zügig im Schiff, wir wollen die Flut ausnutzen, denn der Wind steht günstig.“
„Ay Sir.“, murmelte der Bootsmann verärgert. Er wischte sich mit dem Handrücken über seine Nase, aus der etwas Blut tropfte. Mit erhobener Peitsche ging er an der aufmüpfigen Sklavin vorbei und flüsterte leise, während er die Lederpeitsche immer noch auf Kopfhöhe hielt: „Merk sie dir gut, Hexe. Ich werde dafür sorgen, dass du sie auf unserer Reise zu spüren bekommst. Ich werde dir dein zartes Fleisch von deinen Titten schlagen.“
Katharina erkannte die Panik, die in den Augen der jungen Frau zu sehen war, auch wenn sie nichts von Murdocs Worten mit bekam. Die Sklavin wurde zusammen mit zahlreichen Anderen nun schnell unter Deck gebracht. Die Darbietung nackter Weiblichkeit war vorbei, und die Matrosen gingen nun wieder zügig ihrer Arbeit nach.
Auf einmal betrat eine Frau in einem teuren Kleid das Schiff. Katharina erkannte sofort die neueste Französische Mode vom Hof des Sonnenkönigs. Dieses Kleid und auch der Schmuck seiner Trägerin war ohne Zweifel ein Vermögen wert. Eine Perücke mit langem weißem Haar komplettierte die verschwenderische Pracht, die auf dem Handelsschiff so deplatziert wirkte. Thomas eilte sofort von der Brücke herunter zu ihr. Auch Katharina war neugierig geworden, und kam etwas näher.
„Hallo, Geliebter", sprach die Frau in Thomas Richtung und reichte ihm die Hand zum Kuss. Dieser Griff danach und zog sie leicht an sich.
„Du bist spät dran, Anne", tadelte er die Frau, nach dem seine Lippen ihren Handrücken lange berührt hatten.
„Auf das Beste wartet man", lächelte sie sinnlich. „Ich wurde in London aufgehalten. Kannst du meine Sachen an Bord bringen lassen.“
„Natürlich.“, er drehte sich um, und rief zur Brücke hoch. „Kapitän Shiffort, lassen sie bitte das Gebäck von Miss Dartmoor in meine Kabine bringen. Sie wird mich auf dieser Reise begleiten.“
„Gewiss, Sir Thomas", meinte der Kapitän ohne sichtbare Begeisterung.
Katharina hatte das ganze Szenario wie in Trance verfolgt. Sie begriff sofort, dass Miss Dartmoor die Mätresse ihres zukünftigen Gemahls war, doch konnte sie diese unverschämte und offene Demütigung nicht begreifen. Blanke Wut stieg in ihr auf. Sie wäre am liebsten in ihre Kabine gestürmt, die direkt neben der ihres Verlobten lag, und hätte ihn und diese Person mit den Waffen ihres Onkels erschossen. In geistiges Auge ging diesen Plan mehrmals durch. War es Schicksal, dass sie die Waffen am Abend zuvor geladen hatte?
„Dies ist meine zukünftige Frau. Die Deutsche", klang es auf einmal in ihren Ohren. Thomas Worte holte sie aus ihren Amokträumen heraus. „Willst du dich nicht vorstellen?“
Katharina musterte fassungslos ihr Gegenüber. Die Frau mochte in Thomas Alter sein. Sie war zweifellos hübsch. Ihr eng geschnürtes Korsett brachte ihre prallen Brüste aufregend zur Geltung. Das Mädchen glaubte sogar, eine Brustwarze herausschauen zu sehen.
„Verzeih, Liebes. Sie ist nicht so ganz helle im Kopf", erklärte der junge Lakewington seiner Mätresse. „Dies ist Miss Katharina von Greifen - Alter deutscher Adel, die Letzte ihrer Blutlinie. Durch ihre Adelspapiere werden alle unsere Nachkommen automatisch geadelt.“
„Praktisch. Es ist ja nicht unbedingt notwendig, dass sie für diese Aufgabe etwas in ihrem Kopf hat", spottete die Frau und streckte ihre Hand nach Katherina aus. Ihre Finger berührten ihre Wange und sie zuckte zusammen. Sagte jedoch nichts. „Ich hoffe sie wird dir bald Söhne gebären. Sieht ein wenig mager aus, das Ding. Hast du sie schon zur Frau gemacht?“
„Nein, mein Vater meinte wir sollten in Virginia heiraten. Ich habe es ja nicht eilig. Auf der Plantage ist noch genug Zeit, sie in aller Ruhe Kinder kriegen zu lassen. Ich hoffe sie ist wenigstens fruchtbar.“
„Das wird bestimmt sehr schön. Die Kolonie giert bestimmt nach so einem Ereignis.“ Sie nahm ihre Hand wieder von ihr, und das Mädchen atmete befreit auf. „Wie sieht es eigentlich mit einer Zofe für mich aus? Du hattest mir eine versprochen, wenn ich dich begleite.“
„Ich werde dir eine von den Sklavinnen geben. Manche von ihnen haben eine richtige Ausbildung genossen.“
„Sehr schön. Jetzt zeig mir mal unser Quartier.“ Sie lächelte verführerisch und verschwand kurz darauf mit Sir Thomas unter Deck.

Tränen bildeten sich auf Katharinas blauen Augen. Ihr langes blondes Haar war zerzaust. Sie lag in ihrer Kabine und drückte sich zusammengekauert in ihre Kissen. Durch die dünne Schiffswand konnte sie deutlich das Stöhnen ihres Verlobten hören.
„Ja, mein geiler Hengst. Nimm mich. Gib es mir", raunte Miss Dartmoor und feuerte ihn an. Auch ihr Stöhnen war gut zu vernehmen. Immer wieder feuerte sie Thomas an. Immer wieder war sein gequältes von Geilheit getriebenes Hecheln deutlich zu hören. Er hechelte wie ein Rüde, in Gegenwart einer läufigen Hündin. Und genau dass war er.
Notgedrungen musste Katharina alles mit anhören. Sie erfuhr jede dreckige Kleinigkeit des wilden hemmungslosen Liebesspiels, auch wenn sie es nur in ihrem geistigen Auge sah. Sie war noch nie Zeuge eines Liebeakts gewesen, und kannte es nur aus Büchern, die sie heimlich in der Bibliothek ihres Onkels gelesen hatte. Sie kannte die darin enthaltenen Zeichnungen und konnte sich die Szenen in ihrem Kopf zusammenfügen.
Trotzdem hatte es für sie nichts Erotisches an sich. Nur wenige Meter von ihr entfernt, rammte ihr zukünftiger Ehemann seine Männlichkeit in den Körper einer Fremden. Einer Frau, die er wohl schon lange sehr intim kannte.
Immer wieder überlegte sie, die Pistolen zu schnappen, und in die Kabine zu gehen und beide, oder zumindest ihre Nebenbuhlerin, niederzuschießen. Doch ihr fehlte die Courage, dies zu tun. Gedemütigt, entehrt und verspottet lag sie hier auf einem Schiff, welches vor Stunden den letzten Hafen der Alten Welt verlassen hatte, und sich nun auf den Weg in eine neue Welt befand.
Das Stöhnen wurde lauter. Sie hörte das aufeinander Schlagen von Holz. Etwas quietschte rhythmisch.
„Ja, ja. Komm, komm du geiler Bock", hallte es in ihrer Kammer wieder. „Ja, komm, komm endlich. Ja.“
Dann hörte sie den lauten Aufschrei ihres Verlobten gefolgt von einem hohen, gepressten Schrei einer Frau. Augenblicke später kehrte Ruhe ein.
„Oh Anne, du geiles Luder, warum hat mein Vater nur nicht dich zu meiner Braut bestimmt", hörte sie etwas später Thomas Stimme.
„Las sie doch, du willst doch auch Söhne um deinen Vater glücklich zu machen. Sie soll deinen Zuchtauftrag erfüllen. Und dann kann sie ja auf deiner Plantage verrotten, während du deinen Spaß hast, und dein Vater in frieden Sterben kann.“ Katherinas Fingernägel krallten sich in das Bettzeug. Sie dachte nicht mehr nur daran, die Pistolen auf die Fremde Frau zu richten. Sie überlegte, sie gegen sich selbst zu richten. Oder sollte sie einfach von Bord springen. Sich wie Jonas der göttlichen Gnade ausliefern. Katharina glaubte nicht an die Gnade Gottes. Sie war protestantisch-lutherisch erzogen worden, doch wie viel Gebildete ihrer Zeit, kannte sie auch die Lehren der Humanisten, die beim Herzog ein- und ausgingen. Es gab für sie keine Erlösung, keine Hoffnung, nur den pochenden Schmerz in ihrer jungen Seele. Nur das leise Plätschern der Wellen gegen die Außenhülle des Schiffes war jetzt noch zu hören. Dieses gleichmäßige, sanfte Geräusch wiegte Katharina langsam in den Schlaf.

Von diesem Tag an war Katharina wie ein Geist an Bord. Man mied sie nicht, doch beachtete man sie auch nicht. Niemand wollte sich den Zorn von Sir Lakewingtons Sohn zu ziehen. Selbst der Bootsmann bedachte sie nicht länger mit seinen aufgegeilten Blicken. Diese konnte allerdings auch daran liegen, dass der alte Seemann nun eine andere Befriedigung gefunden hatte.
Immer wieder bemerkte sie, wie er in das Vorderschiff ging und eine gute Zeit unter Deck verschwand. Manchmal hörte sie leises Stöhnen, schreien oder wimmern. Einmal folgte sie ihm unter Deck. Die Zustände waren erbärmlich. Männer und Frauen waren an die Schiffswand oder Zwischenbalken gekettet. Der Gestank von Urin und Kot war schlimmer als in den schäbigen Gassen von Southampton. Kraftlos vegetierten die Körper der Verurteilten dahin.
Auch hier beachtete sie niemand. Sie stieg über die Körper der lebenden, fast toten Kreaturen. Die ersten Tage hatte sie sich noch davor gescheut. Hatte Angst von dem Dunkel, Angst vor den Fremden gehabt. Doch je mehr die Verletzung ihrer eigenen Seele zu vernarben begann, umso mutiger wurde auch die junge Frau.
Im Zwielicht erahnte sie Murdoc. Er hatte die Hosen herunter gelassen. Vor ihm kniete ein dürres Ding. Ihr blondes gelocktes Haar war nur schemenhaft zu erkennen. Die Hand des Bootsmannes ruhte auf ihrem Kopf, der sich hektisch hin und her bewegte. Angewidert und zu gleich fasziniert von dem, was sich ihr hier darbot, konnte die junge Adlige nicht ihren Blick davon abwenden. Sie sollte gehen. Sollte diesen düsteren Ort verlassen, schoss es ihr durch den Kopf. Aber sie blieb. Sie hört das Stöhnen. Hörte das Schmatzen, wenn sich die Männlichkeit des Seemanns in der jungen Sklavin bewegte.
Katharina erkannte, dass die junge Frau wohl vollkommen passiv alles über sich ergehen ließ. Sie kniete einfach nur da, ihre Hände hingen schlaff von ihren Schultern, ihr Kopf wurde nur durch die brachiale Gewalt des Mannes geführt. Sie sah den Speichel, der aus dem Mund des Mädchens auf den in Finsternis getauchten Holzboden tropfte.
Sie hatte von dieser Art des Liebesspiels gehört, auch wenn es hier wohl kaum etwas mit Liebe zu tun hatte. Es nannte sich Französisch. Natürlich wusste sie nicht, wieso dies so hieß. Die Gräfin hatte gemeint, in Frankreich sind die Sitten lockerer. Vielleicht war dem so.
Plötzlich stöhnte Murdoc auf. Es klang wild, derb und primitiv. Doch Katharina erkannte dieselben Laute, die sie in den letzten Nächten öfters von Thomas gehört hatte, als er unweit von ihr seine Geliebte liebte. Fest griff der dem armen Mädchen ins Haar, die seine Behandlung stillschweigend über sich ergehen ließ.
Er begann, zu zittern und zu zucken. Dann hörte sie das Husten und Keuchen. Er ließ die Sklavin los, die sofort zu Boden sackte, und hustend und würgend daniederlag. Sie beobachtete, wie ein klebriger Schleim aus ihrem Mund kam. War dies das männliche Ejakulat, von dem sie gehört hatte?
„Hat es der kleinen Miss gefallen?“, sprach der Bootsmann ins Dunkle, wo sich Katharina verborgen geglaubt hatte. Sie zuckte erschrocken zusammen. „Wenn die Miss will, kann ich sie gerne auch mal so beglücken, während ihr Verlobter andere Weiber nimmt.“
Sein Lachen drang wie ein Peitschenhieb in ihren Verstand ein. Schmerzlich brennend. Sie drehte sich um und hastete durch die Dunkelheit davon.
„Wenn du Jane siehst, sag ihr, wir haben noch immer eine Rechnung offen. Das Schiff ist klein. Sie kann sich hier nicht stecken. Ihr Arsch gehört mir", rief er der Flüchtenden nach, während er über die am Boden liegende, noch immer hustende Verbannte stieg.
Jane war die rothaarige junge Frau, die Murdocs Nase blutig geschlagen hatte. Sie war wahrhaft eine Schönheit. Thomas hatte sie als Zofe für seine Geliebte eingestellt. Wenn sie nicht für Anne jede kleine Arbeit erledigte, saß sie zusammengekauert vor der Kabine. Anfangs hatte Katharina gedacht, sie tat es, um Anne zu gefallen. Jetzt wusste sie warum. Die junge Frau wollte nicht dem Bootsmann in die Arme laufen. Unter Deck war sie ihm hilflos ausgeliefert. Niemand, der ihm etwas sagen konnten, ging dort runter. Der Gedanke, Murdoc ausgeliefert zu sein, jagte ihre einen Schauer durch den Leib.

Die Goldgreed wurde von kräftigen Winden vorangetrieben und machte gute Fahrt. Katharina sah hinauf zu den prall gefüllten Segeln. Da sie viel Zeit an Deck verbrachte, verstand sie allmählich etwas davon. Sie wusste, dass dieser gleichmäßige Wind von Raumachtern das Beste für dieses Schiff war. Die meisten Matrosen genossen die etwas ruhigeren Stunden an Deck. Sie flickten Tauwerk, schruppten das Deck oder standen einfach nur so irgendwo rum, und taten vordergründig geschäftig.
Zu ihrer Verwunderung sah sie auch Anne Dartmoor an Deck. Die Frau, der ihr ganzer Hass gelten sollte. Doch konnte sie wirklich hassen? Oder war es ihr Verlobter, denn sie hassen sollte? Sie entschied sich beide zu verachten, und ging, ohne ein Wort mit ihr zu wechseln, zu ihrer Kabine.
Als sie ins hintere Teil des Schiffes unter Deck verschwand, hörte sie bereits Thomas Stimme: „Halt still, Schlampe. Ich habe dich aus dem stickenden Loch herausgeholt, und ich kann dich auch wieder hineinstecken. Also sei brav.“
Die Tür zu seiner Kabine war nur angelehnt, und sie riskierte einen Blick durch diese. Sie sah Thomas. Er hatte seine Hose bis zu den Knien herunter gezogen und sich zwischen Janes Beine gedrängt. Sein nackter Hintern blickt ihr entgegen. Jane lag unter ihm. Ihre entblößten nackten Schenkel waren weit nach außen gespreizt. Seine Hände rangelten mit den ihren und er drückte sie mit überlegener Kraft und Gewicht zu Boden. Ihr schmuckloses Kleid war über ihre Taille gezogen. Ihr langes rotes Haar lag wild und ungeordnet auf dem Laken.
Immer wieder bäumte sie sich gegen ihren Herrn auf. Vielleicht hätte sie sich sogar befrei können. Doch wusste sie, dass das Recht auf seiner Seite war. Das Gesetz hatte ihr fast jedes Recht genommen, und solange er sie nicht totschlug, konnte man ihm nichts anhaben. So ergab sich Jane unter Katharinas Augen ihrem Schicksal.
Seine Stöße kamen schnell, und schon bald hörte Stöhnen, welches, das wusste sie inzwischen, das baldige Ende des Aktes bedeuten würde. Katharina wollte es sich nicht länger ansehen und wand sich von ihrem verachtungswürdigen Verlobten und seinem Opfer ab. Dabei lief sie fast Anne Dartmoor in die Arme. Die etwas ältere Frau schob sie wie ein lästiges Kind wortlos zur Seite, und hastete zu der Kabine. Da ertönte auch schon das laute kräftige Stöhnen, welches den männlichen Höhepunkt markierte.
„Du wagst es", brüllte Anne, welche die Tür aufgerissen hatte. „Rammelst hier eine verdammte Straßenhure, wenn ich nur mal kurz frische Luft schnappen bin?“
Katharina erblicke Thomas, der nun mit heruntergelassenen Hosen vor ihnen stand.
„Aber, Liebes.“
„Nichts da. Ich habe für dich den Komfort in England aufgegeben, und du besteigst einfach das erst Beste, was dir vor dein Rohr kommt. Warum gehst du nicht gleich zu deiner deutschen Braut und begattest sie, wie es dein Vater will?“
„Aber, …“ Sie hatte immer gedacht, dass Thomas Lakewington ein mächtiger Mann war. Doch in diesem Moment merkte sie, wie klein ihr Verlobter doch sein konnte, und dies bezog sich nicht nur auf die erschlaffte Manneskraft, die zwischen seinen Schenkeln baumelte. Sie wand mit leicht erröteten Wangen ihren Blick ab und verschwand in ihrer Kabine. Insgeheim gefiel ihr jedoch Gedanke, dass die beiden sich stritten. Vielleicht würde er sie ja verstoßen. Schließlich war sie nur eine Mätresse, oder?
Ein lautes Klatschen beendete ihr Gedankenspiel. Sie blickte auf den Gang und sah, wie Anne die Rothaarige auf die Füße gezerrt hatte. Eine Hand war in dem langen Haar vergraben und riss schmerzhaft daran. Jane schrie auf, während sie so aus der Kabine gezogen wurde.
„Halt die Klappe, du verdammte Hure.“ Anne gab ihr erneut eine schallende Ohrfeige. Das Klatschen peitschte wie ein Schuss durch den schmalen Gang. Thomas sah tatenlos zu, wie seine Geliebte, die junge Frau misshandelte.
Erneut holte sie aus, doch diesmal wehrte sich Jane. Anne hatte den Griff in ihr Haar gelockert, und sie konnte sich herauswinden. Als die Mätresse abermals zu einer Ohrfeige ansetzte, fing die gewandte junge Frau den Schlag ab und versetzte der Angreiferin einen kräftigen Stoß gegen die Brust. Unbeholfen taumelte diese zurück und fiel in Thomas Arme. Dieser fing sie jedoch ebenso unbeholfen auf. Statt ihrem Leib, bekam er nur ihre Perücke zu fassen. Anne stürzte zu Boden, während das falsche Kopfhaar in seiner Hand zurückblieb.
Verdutzt blickten alle auf sie, die nun höchst unvorteilhaft ihr schütteres Haar präsentieren musste. Jane, die vom Erfolg ihrer couragierten Abwehr selbst fast am meisten überrascht war, stand unweit von Kathrina mit weit geöffnetem Mund da. Auch Kapitän Shiffort, der durch das Geschrei der Mätresse alarmiert wurde, blickte erstaunt.
„Dafür wirst du bezahlen", fauchte Miss Dartmoor und erhob sich. Sie riss Thomas die Perücke aus der Hand und setzte sie sich ein wenig unbeholfen auf. Katharina konnte sich ihre Schadensfreude nicht verkneifen.
„Kapitän Shiffort. Diese Sklavin hat mich angegriffen. Ich will, dass sie dafür hart bestraft wird.“
„Ich lasse sie wieder in Ketten legen, und zu den anderen bringen, Miss Dartmoor.“ Er machte einen Schritt auf die Rothaarige zu und packte sie am Arm.
„Nein", zischte Anne Darkmoor. Ihre Augen hatten sich zu gefährlichen Dolchen verengt. „Ich will, dass sie ausgepeitscht wird. Vor der versammelten Mannschaft.“
Jane und Katharina erstarrten.

Die Anweisungen, wie die Sklavin auszupeitschen war, kamen von Anne persönlich. Sie hatte ein offensichtliches sadistisches Interesse an der Bestrafung ihrer angeblichen Rivalin. Man brachte die junge Frau mitten aufs Oberdeck. Dort riss Mister Murdoc ihr erst mal ihr Kleid über die Schultern und ließ es dann zu Boden gleiten.
Anfangs bedeckte Jane noch ihre Scham, doch schon bald wurden ihre Handgelenke mit Seilen gefesselt. Die Arme der Verurteilten wurden auseinandergezogen, als die anderen Enden der Seile in der Takelage festgebunden wurden. Durch die straff seitlich nach oben führenden Fesseln, wurde ihr schön geformter Busen besonders gut sichtbar. Deutlich konnte man den Schmerz und die Demütigung in dem Gesicht der Frau erkennen, die hier nicht nur ausgepeitscht, sondern vor allem gedemütigt werden sollte.
Auf Sir Thomas befehlt, der seiner Mätresse nun wie ein Hündchen folgte, hatte der Kapitän die ganze Mannschaft antreten lassen. Auch Katharina musste sich neben ihrem zukünftigen Mann stellen. Angewidert doch auch mit einer gewissen Faszination beobachtete sie, wie man der makellosen Schönheit auch Seile um ihre Knöchel band, und diese dann ebenfalls auseinanderzog. Nun stand sie nackt im Wind da, vollkommen hilflos und ausgeliefert, einem geschwungen X gleich, so wie einst der Heilige Andreas vor seinem Märtyrertod. Ihr hatte die Geschichte nie gefallen, und sie fand es gut, dass auch ihr Onkel die Heiligenverehrung der katholischen Kirche ablehnte.
Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sanft und doch kühl, einem Todeshauch gleich.
„Sieh genau hin", flüsterte Anne ihr ins Ohr. „So ergeht es allen, die sich mir entgegenstellen.“
„Sie wollte es nicht, Sir Thomas hat sie dazu gezwungen.“
„Ich weiß", raunte ihr die Stimme der Frau ins Ohr. „Deswegen ist dies auch seine Bestrafung. Sieh genau hin. Dies ist das letzte Mal, dass du diesen Körper so unversehrt sehen wirst. Bald wird er nur noch Abfall sein, Futter für die Fische.“
Die Hand der Mätresse streichelte über den Saum ihres Kleides, bevor sie von ihr abließ. Ein eisiger Schauer durchlief ihren jungen Leib. Sie wollte etwas erwidern, wollte ihr, ihre Boshaftigkeit ins Gesicht schreien. Aber sie war sich ihrer schwachen Position nur zu gut bewusst. Immer schon war sie nur eine Geduldete.
Als uneheliche Tochter eines Adligen mit einer Bürgerlichen war sie nur angenommen worden. Man hätte ihr dieses Recht jederzeit verwehren können. Sie hatte einen Titel, aber ohne Land. Sie hatte einen Vater, aber nur ihr Onkel hatte sie jemals beschützt. Nun hatte sie nicht einmal mehr diesen Schutz. Sie war die versprochene, verkaufte Braut eines fremden Mannes, der unter dem Einfluss dieser Hexe stand. Hier auf dem Schiff gab es keine gesellschaftlichen Konventionen, die ihr Schutz boten.
Anne Dartmoor schlich an ihr vorbei, um sich wieder an Sir Thomas Seite einzufinden. Sie zeigte ihm keine ihrer ansonsten erotischen Anzüglichkeiten, stattdessen forderte sie von dem Mann, der nun wie ein unreifer Junge wirkte, Unterwerfung. Nicht Offensichtliche, nein, aber Katharina spürte die Macht, die sie über ihn besaß.
Trommelschläge ertönten, und sie schreckte aus ihren Gedanken auf. Die junge Frau wand sich hilflos in ihren Fesseln, erwartete das unvermeidlich, während Murdoc mit der Bullenpeitsche um sie herumschlich, und sein bestialisches Lächeln über ihren Körper glitt. Immer wieder blickte er hoch, streifte die Blicke des Kapitäns und Miss Dartmoors. Er wusste, wer die Befehlsgewalt hatte. Der Bootsmann straffte die Peitsche und ließ sie einmal schnalzend durch die Luft fahren.
Der Knall hallte über das Deck. Die Seeleute hatten sich versammelt und begafften die Rothaarige, wie sie sich wand. Auch die Verurteilten waren an Deck gebracht worden. Elende Gestallten, die Jane jedoch keinerlei Mitleid entgegen brachten. Sie war keine von ihnen. Sie hatte die ersten Wochen der Reise nicht bei ihnen verbringen müssen, unter Deck, wo Hunger und Krankheit schon mehrere dahingerafft hatten. In ihren Augen war vielmehr die blanke Schadenfreude oder vielleicht sogar Lust zu erkennen. Ja, ihnen würde es gefallen, wenn diese junge Frau, für ihre Schönheit bezahlen musste.
„Jane Sinner hat heute die überaus gütige und freundliche Miss Dartmoor angegriffen", sprach der Kapitän. „Dafür soll sie mit 20 Peitschenhieben bestraft werden.“
„Vierzig", sprach Anne laut in die Menge. „20 für den feigen Angriff auf mich und 20 für Sir Thomas.“
Ein Raunen ging durch die Menge. 20 Peitschenhiebe stellten eine schmerzhafte Strafe dar, zumal man davon ausgehen konnte, dass Murdoc nicht zurückhaltend war, 40 Schläge, konnten in gegen selbst bei einem kräftigen Mann tödlich enden.
Die Mätresse blickte streng zu Sir Thomas, und der junge Lakewington nickte.
„Vierzig", sprach er knapp.
„Also, für ihre Missetaten wird Jane Sinner zu 40 Peitschen hieben verurteilt", rief der Kapitän nach kurzem Zögern. „Vollstrecken sie das Urteil, Mister Murdoc.“
Der grobschlächtige Bootsmann streifte mit den Fingern noch einmal durch seinen struppigen Bart. Unruhig wand sich Jane in ihren Fesseln. Ihr rotes Haar fiel über ihre Schultern. Katharina hielt sich angespannt die Hand vor den Mund. Faszination und Schrecken der Situation lagen dicht beieinander. Er deutete den Hieb mehrmals an, dann zog er die Peitsche auf, und ließ sie auf der blassen Haut der englischen Schönheit niedersausen.
Jane schrie auf, als das Leder um ihren Körper schlang und ein geröteter Streifen sich auf ihrer Haut ausbreitete. Murdoc ließ ihr genug Zeit den Schmerz zu erfühlen, bevor er ein weiteres Mal zuschlug. Wieder hallte der Schrei aus Janes Mund über das Deck. Fasziniert ruhten die Blicke der Anwesenden auf dem jungen Leib, der kurz darauf ein drittes Mal von dem strammen Leder der Peitsche getroffen wurde.
Nach dem ersten Dutzend Schlägen war ihre blasse Haut mit roten Striemen überzogen, welche über ihren Rücken herum bis zu ihren festen Brüsten reichten, die sich immer noch aufreizend darboten. Der Bootsmann legte eine kurze Rast ein und trank aus einem Krug Rum, den man für ihn bereitgestellt hatte. Lüstern schritt er um sein Opfer herum und blickte dabei auf sein bereits getanes Werk. Das Gemurmel der Leute paarte sich mit dem leisen Wimmern der Frau. Ihr Kopf war nach vorne gefallen. Ihr rotes Haar verdeckte den Blick auf ihr Gesicht.
Als Murdoc seine Runde beendet hatte, erhob er aufs Neue die Peitsche. Er zielte genau. Zielte auf Stellen ihrer Haut, die seine Peitsche bis dahin noch nicht erreicht hatte. Das Leder traf ihren wohlgeformten Po, glitt um ihre Taille und traf am Ende sogar ihre, durch einen kleinen rötlichen Flaum bedeckte, Scham. Der nächste Schlag traf sie von der anderen Seite mit demselben Endziel. Jane drehte ihren Körper so gut es ging, um ihre empfindlichsten Stellen zu stützen, während das Leder sich gnadenlos seinen Weg bahnte.
Die Fesseln hinderten die Frau an jeder Flucht vor den gnadenlosen, brutalen Peitschenhieben. Erschrocken bemerkte Katharina, wie die Meute an Deck nun sogar noch den Bootsmann anfeuerte. Sie gierte nach Blut, und bald schon befriedigten die Schläge des Mannes diese Lust. Die Haut der Sklavin gab nach mehrmaligen Treffern nach, und Blut mischte sich mit ihrem Angstscheiß.
Auf Annes Lippen bildete sich ein Lächeln und sie legte von der Menge unbemerkt ihre Hand auf Sir Thomas Schritt. Das Auspeitschen der Sklavin, die er kurz zu vor noch unter sich gehabt hatte, erregte ihn, das konnte die erfahrene Liebhaberin spüren. Sie streichelte ihn, und er genoss ihre Künste, während seine Augen das Schauspiel weiter unten verfolgten.
Janes Schreie waren zu einem tonlosen Wimmern verkommen. Sie hatte keine Kraft mehr sich gegen den Schmerz aufzubäumen. Blut lief an ihren gemarterten Körper herab, zwischen ihren Schenkeln verband sich Blut und Schweiß mit den milchigen Resten von Sir Thomas, die aus ihrer, vor Kurzem erst brutal geöffneten, Scham sickerten.

Als Jane schließlich reglos in ihren Fesseln hing, ließ der Bootsmann von ihr ab und rief zum Brückendeck hinauf: „Das waren 32. Aber sie hat ihr Bewusstsein verloren.“
„Dann weckt sie auf. Sie soll ihre Strafe genießen", rief Anne nach unten. Katharinas Blick richtete sich auf sie. Erst jetzt bemerkte sie Annes Hand, die sich um das bloß gelegte Glied ihres Verlobten gelegt hatte. Da war er wieder. Der Hass, der schon seit zwei Wochen in ihr brodelte. Sie hasste Anne, sie hasste Thomas, und sie hasste sich selbst für ihre Untätigkeit. Da blickte die Mätresse zu ihr und lächelte. Ihr wurde bewusst, dass diese Hexe, diese Dämonin, wohl mit Absicht das Geschlecht des Mannes so hielt, dass sie es als Einzige sehen konnte. Eine kleine weitere Demütigung, die sich wie ein Dolch in ihre Brust rammte.

Murdoc nahm einen Eimer mit Meerwasser und schüttete ihn über die aufgerissene, mit Striemen übersäte Haut der jungen Frau. Jane schrie laut auf, als ihre Lebensgeister aufs Neue so brutal geweckt wurden. Ein zufriedenes Murmeln ging durch die Menge. Er nahm einen weiteren Eimer mit Wasser, griff ihr schmerzhaft ins Haar, zog ihren Kopf in den Nacken.
Ein Wasserschwall ergoss sich in ihr Gesicht. Sie verschluckte sich und musste kräftig Husten. Das Salzwasser brannte in ihren Augen und auf ihren offenen Wunden. Der Hustenanfall verschlimmerte den Schmerz noch, während sie sich in ihren Fesseln wie ein Al wand.
Zufrieden nahm der Bootsmann wieder seine Peitsche auf. Der Schmerz, der vorangegangenen Schläge, mischte sich nun mit dem Neuen. Das Salzwasser wurde unter ihre aufgerissene Haut gepeitscht, und bereitete ihr zusätzliche Schmerzen.
Jane schrie nun wieder wild auf. Ihr feuchter, blutender, nackter Leib, wand sich unter den restlichen Hieben ihres Peinigers, der sich unendlich lange Zeit ließ. Erregt forderte die Menge der Männer und zum Teil auch Frauen, ein weiter machen. Sie wirkten fast enttäuscht als die 40 erreicht war, und der Bootsmann innehielt. Ja, die Menge hatte Blut geleckt. Janes Blut, welches an ihr zu Boden tropfte. Sie wollte mehr, doch der Kapitän schritt ein.
„Das reicht. Sie hat ihre Strafe bekommen, jetzt schafft sie unter Deck zu den anderen", rief er.

Thomas und Anne nutzten das Signal zum Aufbruch und verschwanden sogleich in ihre Kabine. Katharina konnte hören, wie sie zu ihm flüsterte: „Du warst ein braver Mann, jetzt sollst du eine kleine Belohnung erhalten.“
Sie blickte den beiden nach, bis sie verschwunden waren, dann wand sie sich an den Kapitän.
„Sollte sich nicht der Schiffsarzt um sie kümmern?“
Shiffort schüttelte den Kopf und meinte: „Der alte Lakewington hat ihm verboten, sich um menschliche Fracht zu kümmern. Er meint, diesen Abfall der Gesellschaft, soll man nicht noch durch Mildtätigkeit belohnen.“
„Wie kann er nur so grausam sein.“
„Er ist Geschäftsmann, und zwar ein Erfolgreicher. Außerdem benutzt Ihr, Miss Katharina, unser reguläres Krankenquartier", erklärte der Kapitän. Zwei Matrosen lösten derweil gerade die Fesseln von Janes Handgelenken. Ihr durchgeprügelter Körper fiel schlaff in die Arme eines der Männer. Katharina überlegte gequält. Auf einmal fühlte sie sich selbst schuldig, an dem Schicksal der Rothaarigen, und ihr kam eine Idee. Das Mädchen nahm all ihren Mut zusammen, und stellte sich vor den Kapitän, der gerade die Brücke verlassen wollte in den Weg.
„Kapitän Shiffort. Ich verstehe die Gründe, dann spricht aber gewiss nichts dagegen, die Frau in mein Quartier zu bringen. Ich werde mich um sie kümmern.“
„Aber sie ist eine Verurteilte …“, setzte er zu einer Erwiderung an.
„Die Bibel leert uns, dass Gott allein die Menschen richten soll. Außerdem hat nicht der Herr sich selbst um Aussätzige gekümmert.“
Der Kapitän war von dieser theologischen Ausführung kurz ein wenig verwirrt und nickte. „Wenn Ihr so selbstlos sein wollt, ehrt Euch dies, Miss Katharina. Ich hoffe, Ihr wisst, welche Bürde ihr euch da aufladet.
„Danke Kapitän", nickte sie, und eilte sogleich davon, um die Matrosen, die Jane gerade davon schafften, in eine neue Richtung zu lenken. Einer von ihnen war Mac, der Mann, denn sie am Tag vor ihrem Auslaufen mit einer Ohrfeige näher kennengelernt hatte. Er half ihr den geschundenen Körper der Sklavin in ihre Kabine zu bringen, und brachte frische Wasser und Leinenstoff, damit sich Katharina um die Verwundete kümmern konnte.
Jane war erneut in eine gnädige Ohnmacht gefallen, und bekam von alle dem nichts mit. Katharina, die bei den Jagdausflügen ihres Onkels schon öfters kleinere Wunden versorgen durfte, nahm aus ihrem Koffer eine Flasche mit Johannis-Kraut-Öl. Das war ein altes Heilmittel, welches sie vor ihrer Abreise von einer Hebamme bekommen hatte. Sanft betupfte sie nun die aufgerissene Haut. Trotzdem zuckte die Frau immer wieder zusammen, und ein leises Stöhnen kam über ihre Lippen.
„Keine Sorge. Ich passe jetzt auf, dass dir nichts mehr passiert. Ich werde stark sein, für dich", flüsterte Katharina zu sich selbst.


Weiter zu Kapitel 2

Kommentare:

  1. Ahoi Krystan ,
    hoffe aus dem deutschen Kartoffelsack
    wird eine gute geile Piratin !!!!
    HHH

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  2. Gute Story, mieserable Rechtschreibung

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